Insektopädie

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Sie waren vor uns da und werden uns überleben. Sie begleiten uns seit Menschengedenken, so nah und alltäglich wie keine anderen Lebewesen: Insekten bestäuben unsere Nutzpflanzen, ernähren sich von unserem Essen, leben in unseren Betten und Kleidungsstücken, in den Ritzen unserer Dielen und dem Fell unserer Haustiere. Grund genug, sich endlich diesen fremdartigen, beinahe unsichtbaren Lebensbegleitern zu widmen. Der Anthropologe Hugh Raffles erzählt die faszinierende Geschichte der langen und engen Beziehung, die uns mit diesen kleinen, wunderbaren und erstaunlich vollendeten Wesen verbindet. Seine Insektopädie ist ein fesselnder Streifzug durch Wissenschaft und Philosophie, Anthropologie und Zoologie, Wirtschaft und Populärkultur, auf dem nicht nur die Insekten, sondern auch die Menschen genau unter die Lupe genommen werden

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FALTER-Rezension

Dürfen wir es töten? Ja, es ist glitschig

Welche Rechte hat die Natur? Zumal wenn sie uns glitschig und schleimig gegenübertritt und uns nicht gefällt? Dürfen wir etwa ein Weichtier töten, weil wir ihm "wertloses Leben" attestieren, es als "Schädling" bezeichnen? Darf der Mensch seinen Lebensraum vernichten, nur weil es ihm vor ihm graust und er nach Ordnung sucht? Die Frage ist beantwortet. Wir nehmen uns das Recht heraus, im Garten zu töten, was nicht gefällt. Aber darf der Mensch noch einen Schritt weitergehen? Darf er die Obrigkeit zu Hilfe rufen, damit sie ihm dabei hilft, sich des Nachbarn Natur vom Leibe zu halten: das morsche Geäst am Boden und das hohe Gras, in dem jene Tiere wohnen, die keine Parzellengrenzen kennen?

Ja, sagt der Verfassungsgerichtshof in einer aktuellen Entscheidung, der Staat darf zu Hilfe kommen. Die Bürgermeisterin von Bernstein im Burgenland darf ihre Bürger per Verordnung dazu zwingen, die Bauparzellen so zu pflegen, dass sie morsches Holz auslichten, zu viel Unkraut vernichten und den Lebensraum jener Tiere beseitigen, vor dem es dem Nachbarn graust.

Über den Fall Bernstein berichtete letzte Woche der Kommunal-Verlag, es blieb eine Randnotiz. Ein Nachbarschaftsstreit zweier verschrobener Schrebergärtner. Der eine will Salat, der andere Wildnis. Und doch ist der Streit von grundsätzlicher, ja, Natur.

Bernstein zwingt seine Bürger, im Garten aufzuräumen. Warum? Lesen wir, was die Gemeinde dem Höchstgericht schrieb: "Weil gebietsfremde Nacktschnecken nicht nur pflanzenzerstörende Schädlinge seien, sondern außerdem für das Empfinden weiter Bevölkerungsteile hochgradig abstoßend und ekelerregend sind. Nicht nur das schädliche Einwirken auf Pflanzen, sondern auch das Erregen von Abscheu und Ekel ist ein für das örtliche Gemeinschaftsleben erheblich störender Missstand."

Schnecken auf den Erdbeeren, das nervt. Aber Ekel vor der Kreatur als "störender Missstand", der den Staat ermächtigt, den Nachbarn zum Naturputz zu zwingen, also zur Entfernung von Brutstätten von Tieren? Deshalb, so die Gemeinde, seien "Rasenflächen, Wiesen oder in Art, Nutzung oder Bewuchs vergleichbare Flächen in angemessenen zeitlichen Abständen, mindestens aber einmal im Kalenderjahr (spätestens bis 30. September) zu mähen" und "Hecken, lebende Zäune, Sträucher und Bäume mindestens einmal im Kalenderjahr (spätestens bis 30. September) auszulichten". Auch "morsche und abgestorbene Teile", das Habitat vieler Tiere, seien "unverzüglich zu entfernen"?

Ja, die Bürgermeisterin darf so eine Verordnung erlassen, nachzulesen ist das im Judikat des VfGH mit der Nummer V85/2021. Die Politikerin selbst sagt, es gehe ihr nicht um "englischen Rasen", bitte nicht missverstehen, auch sie liebe die Natur. Alleine das Landesverwaltungsgericht Burgenland hegte gegen die Verordnung Bedenken. Mit formaljuristischen Argumenten wies das Höchstgericht in Wien diese nun zurück. Die Bürgermeisterin darf als Ortspolizei autonom entscheiden, was ihrem Dorf zuzumuten ist.

Das ist schade, denn der VfGH hätte ein Machtwort sprechen können. Das Umweltbundesamt warnt ja davor, dass der Insektenbestand jedes Jahr um fünf Prozent abnehme. Und die berühmte Krefeld-Studie deutscher Naturschützer stellte schon vor Jahren fest, dass sich die Anzahl der Insekten um rund 75 Prozent reduziert hätte. In nur 27 Jahren. Schuld daran seien intensive Landwirtschaft, Klimawandel, Versiegelung, aber eben auch die aufgeräumten Bauparzellen, in denen nur mehr Pampasgras im Schotterbeet blüht.

Der VfGH hätte sich ja, wenn schon nicht am "Bundesverfassungsgesetz über den umfassenden Umweltschutz", zumindest an dem Diktum unseres Tierkolumnisten Peter Iwaniewicz orientieren können, der darauf drängt, man möge schon Kinder so erziehen, dass sie beim Anblick eines Insekts nicht "Iiiiiiiih!" schreien, sondern erstaunt "Wow!" ausrufen. Eine Spinne wird spannend, wenn man ihre vielen Augen in der Becherlupe betrachtet.

Aber so weit sind wir noch nicht, obwohl wir am Sonntag den "Tag der Biodiversität" feierten und dabei vor dem "Sechsten Massenaussterben" warnen, also dem Verschwinden von etwa einer Million Tierund Pflanzenarten innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Vor allem Medien berichten über unerwünschte Tierpopulationen wie über den Feind an der Front. Wir bestaunen die in Museen aufgespießten Insekten, aber wir killen sie mit Giftgas, wenn sie uns umschwirren. Wer mit offenen Augen durch Baumärkte spaziert, der erkennt, wie sehr wir der Natur den Krieg erklärt haben. Baumarktregale gleichen Waffenarsenalen gegen Maulwürfe, Schnecken und Ameisen. Dass der "Moostod" auch das Eichhörnchen erledigt, das steht im Kleingedruckten. Der Garten mit morschem Holz ist eine Brutstätte, die "ausgelichtet" gehört.

Der Kommunal-Verlag illustrierte seine Meldung über das VfGH-Erkenntnis, übrigens mit einem Tigerschnegel, offenbar hielt ihn die Redaktion für eine Nacktschnecke. Iiiih? Aaaah! Er hat nicht nur wilden Sex, weil er sich mit seinem Partner mit Samenfäden von Bäumen pendeln lässt. Der Schnegel frisst auch gern die Gelege von Nacktschnecken.

Florian Klenk in Falter 21/2022 vom 27.05.2022 (S. 6)


Das Tier und wir: von Eseln bis zu Insekten

Reihenporträt: Seit Frühjahr 2013 erscheint bei Matthes &Seitz Berlin die wunderbare Reihe "Naturkunden"

Bücher müssen gut riechen", meinte einmal der Verleger Klaus Wagenbach und schlussfolgerte, "dass die DDR deswegen untergegangen ist, weil die Bücher so gestunken haben". Die Reihe "Naturkunden" bei Matthes & Seitz Berlin lässt hingegen bibliophile Menschen wieder auf eine bessere Zukunft hoffen. Denn diese riechen nicht nur wunderbar nach Druckerschwärze und Leinenbatist, sondern sind ein editorisches Manifest einer neuen Zuwendung zur belebten Natur.

"Brehms Thierleben" beschrieb den Lesern das Leben wilder Tiere ab 1864 moralinsauer und anthropomorphisierend. Bernhard Grzimeks 13-bändige Enzyklopädie sah Tiere ab 1971 vor allem durch die Brille der Naturwissenschaften, reduzierte sie auf messbare Dimensionen und beraubte sie damit ihrer Seele und kulturgeschichtlicher Facetten.

Die "Naturkunden", herausgegeben von der jungen Autorin Judith Schalansky, hingegen bemühen sich mit spürbarer Leidenschaft um eine gesamtheitliche Durchdringung der belebten Welt. Als Leser folgt man den Autoren gerne auf den verschlungenen Pfaden einer Naturgeschichte, die sowohl Geschichte als auch Geschichten bietet.

Jutta Persons Porträt der Esel etwa lässt einen von der ersten Zeile an die Faszination spüren, die Tiere auf uns Menschen ausüben können. Als Haustiere sind bzw. waren Esel vertraute, aber dennoch auch immer rätselhafte Wesen. Berüchtigt für ihre Sturheit und ihre Huftritte dienen sie uns auch als animistische Identifikationsobjekte. Der nur scheinbar passiv alle Demütigungen seines Herren ertragende Esel schüttelt sein Joch im Märchen von den "Bremer Stadtmusikanten" mit einem für eine globalisierte Gesellschaft geradezu paradigmatischen Satz ab: "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall."

Oder wir finden uns im Esel als jenem "Hippietier" wieder, dessen Ohren der Welt mit ihrer V-Stellung stets ein VictoryZeichen zeigen. Sehr angenehm auch die kompakte Dimension dieses Leseritts durch die Welt der Grautiere: Auf 150 Seiten findet man feine Illustrationen, Essays zu Charakterkunde und Philosophie des Eseltums sowie Porträts von Eselrassen. Nach der letzten Seite bleibt nur mehr der Wunsch nach der Begegnung mit einem echten Esel offen.

Tiere, die ein behaartes Gesicht mit Nase, Mund und Ohren haben, also Säugetiere, können sich eher unserer Sympathie sicher sein als etwa Tiere, die unter Wasser leben und die die meisten nur geräuchert, gebraten oder mariniert kennen. Obwohl solche Behandlungen bekanntlich jede natürliche Schönheit ruinieren, ist der Hering ein schönes Tier. Holger Teschke erzählt vom Heringsblick, dem "blitzenden Glanz, den die Heringe von sich werfen, wenn sie in Scharen schwimmen", und beschreibt den Hering als Kosmopoliten und Überlebenskünstler. Heringe leben als Vagabunden zwischen ihren Fress-, Laich- und Überwinterungsplätzen. Auf ihren Wanderungen legen sie bis zu 4000 Seemeilen zurück und durchqueren dabei Süß-und Salzwasser.

Neben historischen Fakten erfährt man auch Kurioses: Wie Wale können Heringe Töne produzieren, die auch für Menschen hörbar sind und "Heringsfurzen" genannt werden. Das war der schwedischen Marine offenbar nicht bekannt, die in den 1970er-Jahren sowjetischen Atom-U-Booten nachspürte, die sie für die Urheber verdächtiger Unterwassergeräusche hielt. Nach Untersuchungen von Meeresbiologen wurden die Erkenntnisse als "geheim" klassifiziert, um eine Blamage zu verhindern. Auch in dieser würdigen Apologie einer von Überfischung bedrohten Tierart begleiten ausgezeichnete Bilder und Illustrationen den Text.

Das Wort Pädagogik leitet sich aus pais (gr., Knabe) und ágein (gr., führen, leiten) ab. Im antiken Griechenland hatte der Pädagoge als Knabenführer die Aufgabe, diese zur Philosophie zu führen und so zu erziehen. In ebendiesem Sinn führt uns der Anthropologe Hugh Raffles mit seiner "Insektopädie" an eine Tiergruppe heran, die voll erstaunlich vollendeter Wesen ist. Sein Streifzug, in spielerischer Weise alphabetisch geordnet, erzählt zu jedem Buchstaben eine Geschichte, die genauso schillert und changiert wie der an Insektenflügel erinnernde Buchdeckel.

Wie ein Schmetterling flattert Raffles dabei durch Wissenschaft und Philosophie, Anthropologie und Zoologie, Wirtschaft und Populärkultur, wobei immer auch Menschen im Fokus seiner Betrachtungen stehen. Seine Erkundungen sind meist persönlich, oft sprunghaft und immer sehr belesen. Manchmal bietet er nur eine kurze Impression einer von Insekten geformten Klanglandschaft in einem Park, dann wieder porträtiert er auf 26 exzellenten Seiten den Insektenforscher Jean-Henri Fabre.

Bisweilen wird einem als Leser dabei fast schwindlig, aber das entspricht auch dieser Tiergruppe, über die Raffles in der Einleitung schreibt: Sie halten nicht still.

Jürgen Goldstein, Professor für Philosophie an der Universität Koblenz, begleitet sehr unterschiedliche Menschen bei ihrer Auseinandersetzung mit der Natur. Als Basis dienen ihm deren literarische Beschreibungen, die zitiert, kommentiert und zu einer Erfahrungsgeschichte fusioniert werden. Das klingt sperriger, als es sich liest. Mit Reinhold Messner besteigt er so den Mount Everest, mit Charles Darwin erreicht er den Galapagos-Archipel.

Stets suchen der Autor und seine Literaten die verlorene Wildnis und blicken durch die Begegnung mit einer stets wilden oder abenteuerlichen Natur auf sich selbst. Wenige historische Illustrationen begleiten die Texte, wobei sich nicht erschließt, wieso gerade diese ausgewählt wurden. Was fehlt, aber stets über den Geschichten schwebt, sind die Bilder Caspar David Friedrichs.

Peter Iwaniewicz in Falter 11/2014 vom 14.03.2014 (S. 31)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheNaturkunden
ISBN 9783882210804
Ausgabe 3. Auflage
Erscheinungsdatum 01.10.2013
Umfang 383 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik
Format Hardcover
Verlag Matthes & Seitz Berlin
Herausgegeben von Judith Schalansky
Übersetzung Thomas Schestag
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