Auschwitz denken
Die Intellektuellen und die Shoah

von Enzo Traverso

€ 30,90
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Übersetzung: Helmut Dahmer
Verlag: Hamburger Edition, HIS
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 360 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

"Über Auschwitz nachdenken heißt: Versuchen, zu verstehen - der Arroganz und den Aporien der Vernunft zum Trotz, abseits der offiziellen Gedenkfeiern und jenseits der dogmatischen Verbote. Es heißt, "die Geschichte zu moralisieren", damit die Besiegten nicht vergessen werden und die Menschheit schließlich, mit Ernst Bloch zu sprechen, "den aufrechten Gang" lernt."

Heute begegnet uns Auschwitz überall: in Büchern, in Filmen und historisch-politischen Debatten. Das war lange Zeit nicht so. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und bis in die sechziger Jahre hinein war der Genozid an den Juden nur ein unheilvolles Ereignis unter anderen, spielte in der europäischen Kultur noch eine eher marginale Rolle.
Enzo Traverso rekonstruiert in seinem Band die ersten Reflexionen über diesen Genozid und untersucht die Werke von zehn Dichtern und Denkern, die mit zwei Ausnahmen alle Juden deutscher Kultur sind. Franz Kafka und Walter Benjamin präsentiert er als Autoren, die eine Vorahnung der tragischen Zukunft gestalteten und den Fortschritt als Katastrophe dachten. Ab 1944 versuchten dann Hannah Arendt, Günther Anders, Theodor W. Adorno, Jean Améry und Primo Levi "Auschwitz zu denken". Traverso analysiert damit die geschichtsphilosophischen Betrachtungen und das politische Denken der Emigranten, aber auch die Memoiren und Reflexionen von Schriftstellern, die Zeugen und Überlebende der Vernichtung waren, sowie mit einem Kapitel über Paul Celan den Versuch, nach Auschwitz Gedichte in der Sprache der Täter als Wiedergewinnung einer universellen Sprache der Trauer zu schreiben und eine "Poetik der Zäsur" zu entwerfen. Der französische Philosoph Jean Paul Sartre und der amerikanische Journalist Dwight Macdonald sind die beiden einzigen nichtjüdischen Autoren, die sich mit dem Schicksal der Juden im Krieg befassen. Während Sartre eher allgemein die Entwicklungslinien des Antisemitismus nachzeichnet, begreift Macdonald die Tragweite des Zivilisationsbruchs und rückt die Vernichtung der Juden ins Zentrum seines Nachdenkens.
Die hier untersuchten Texte dokumentieren insgesamt den beeindruckenden Versuch, auf die tiefgreifendste Verwerfung der Menschheitsgeschichte in unserem Jahrhundert zu reagieren, die Gleichgültigkeit und das Schweigen zu durchbrechen und das Unfaßbare zu verstehen. Die Autoren, deren Werke lange Zeit keine große Beachtung fanden, deuten den Genozid nicht als weitere Etappe in der Geschichte der Pogrome an den Juden, sondern als Ereignis von universeller Tragweite, und sie versuchen, seine Besonderheit zu denken.
Das ungeklärte Verhältnis von Modernität und Barbarei markiert den Horizont der Fragen, die der Genozid an den Juden aufgibt, Fragen, die auch heute im Zentrum der Debatten um Gedächtnis, Geschichte und Erinnerung stehen.

Enzo Traverso, 1957 in Italien geboren, lebt in Frankreich. Er ist als Dozent für Politische Wissenschaften an der Universität der Picardie in Amiens und als Lehrbeauftragter an der "Ecole des hautes études en sciences sociales" in Paris tätig.

Rezension aus FALTER 36/2000

Dass es aber Gaskammern gab, die industrielle Vernichtung von Menschen, nein, ich gebe zu, das habe ich mir nicht vorgestellt, und weil ich es mir nicht vorstellen konnte, habe ich es nicht gewusst." So erklärt der französische Soziologe Raymond Aron in seinen Memoiren, was der italienische Historiker Enzo Traverso in seinem neuen Opus "Auschwitz denken" die "Blindheit der Intellektuellen" nennt. Aber nicht den unzähligen "Blinden" widmet er seine erhellende Untersuchung, sondern den wenigen, die Auschwitz schon früh ahnten oder zu deuten versuchten. Gemeint sind die leider meist "unerhörten Feuermelder": Hannah Arendt etwa, die Auschwitz schon während des Krieges als einen bislang unvergleichlichen Zivilisationsbruch analysierte. Oder Horkheimer und Adorno, die begriffen, dass Auschwitz dialektisch aus der Aufklärung selbst hervorgeht. Ergänzt wird seine eingestandenermaßen subjektive Auswahl (Benjamin, Max Weber, Kafka, Sartre, Anders et al.) durch eine Würdigung jener Überlebenden, die mit ihren Gedichten oder Memoiren das Weiterleben nach Auschwitz zur Frage machten: Paul Celan, der um eine neue Sprache kämpfte, Primo Levi und Jean Amery, die zeigten, wie aus den Lagern der "entmenschte Mensch" hervorging.Arnold Zweig hingegen kommt bei Traverso zu Recht nicht vor, denn der war tatsächlich kein "Feuermelder". Das zeigt nicht zuletzt seine breit angelegte Studie zum Antisemitismus "Caliban", die erstmals 1927 und jetzt unverändert neu erschienen ist. So erhellend Zweig darin die Befindlichkeit der Juden in der Zwischenkriegszeit analysiert, so blind macht er letztlich die Rassenideologie der Nationalsozialisten mit, indem er den Antisemitismus als einen biologisch begründeten Gruppenaffekt begreift.

Iris Buchheim in FALTER 36/2000 vom 08.09.2000 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Caliban oder Politik und Leidenschaft (Arnold Zweig, David R. Midgley)

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