Die Intelligenz der Pflanzen

von Stefano Mancuso, Alessandra Viola

€ 20,60
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Übersetzung: Christine Ammann
Verlag: Kunstmann, A
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Natur
Umfang: 188 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Ehrliche Lupine, betrügerische Ragwurz

Biologie: Stefano Mancuso legt ein leidenschaftliches Plädoyer für einen neuen Blick auf alles Grüne vor

Da wir uns als Krone der Schöpfung betrachten, halten wir Pflanzen zwar für Lebewesen, gehen aber im Grunde davon aus, dass sie plan- und ziellos vegetieren und höchstens reaktiv im Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Geht es nach uns, sind sie dazu da, uns zu nähren, zu heilen, mit Werkstoffen zu versorgen und unser Auge zu erfreuen.
Bereits Aristoteles hatte in seinem für die abendländische Kultur so einflussreichen Werk "De Anima" den Pflanzen in der Ordnung aller Organismen einen Platz an der Grenze zwischen lebendig und nicht lebendig zugeteilt. Und in der biblischen Überlieferung nahm Noah vor der großen göttlichen Flut von jedem Geschöpf ein Paar mit auf seine Arche, aber keine einzige Pflanze.
Der Ölzweig im Schnabel der Taube, der Noah später die Nähe von Land anzeigte, kam gleichsam aus dem Nirgendwo.

Schon immer hatte diese wirkmächtige Haltung auch Gegenspieler – zwei ihrer bekanntesten waren der griechische Philosoph Demokrit und, fast 2500 Jahre später, Darwins Sohn Francis. Aber die wenigen, die Pflanzen für intelligente Wesen hielten, konnten sich bis in die 1950er-Jahre auf nicht viel mehr als ihre Intuition verlassen.
Seither hat sich die Faktenlage massiv verändert, und jährlich kommt viel neues Wissen hinzu. "Aberwitzig wenig" wüssten wir im Vergleich zu Mensch und Tier immer noch über die Pflanzen, schreibt der italienische Pflanzenforscher Stefano Mancuso in seinem von tiefer Leidenschaft beseelten Buch "Die Intelligenz der Pflanzen".
Klar bewiesen ist aber inzwischen Folgendes: Pflanzen sind empfindsame Wesen, "die über kommunikative Fähigkeiten, ein Sozialleben und raffinierte Problemlösungsstrategien verfügen". Sie sind imstande, "sorgfältig abzuwägen und Entscheidungen zu fällen", sie besitzen Lern- und Erinnerungsvermögen, erkennen ihre Verwandten (das weiß man erst seit 2007) und können zwischen Handlungsalternativen abwägen.
Stefano Mancuso muss es wissen. Der Italiener leitet in Florenz das Internationale Laboratorium für die Neurobiologie von Pflanzen und gilt mit über 250 wissenschaftlichen Publikationen zum Thema weltweit als der große Experte zum Thema Pflanzenintelligenz.

Die Definition von Intelligenz, die seinen Thesen dabei zugrunde liegt, meint die Fähigkeit, Problemlösungen zu finden. Diese besitzen Pflanzen in hohem Maß. Dass wir uns so schwer damit tun, das nachzuvollziehen, glaubt Mancuso, hat auch mit einem Mangel an Vorstellungskraft zu tun. Denn Pflanzen hören ohne Ohren, sehen ohne Augen und fühlen ohne Nervenbahnen und Hirn. Sie sind völlig anders strukturiert, weil sie sesshaft leben.
Sie haben nicht wie der Mensch und die meisten Tiere im Lauf der Evolution alle lebenswichtigen Funktionen auf einige wenige Organe wie Hirn, Lunge oder Magen konzentriert. Im Gegenteil: "Ihr Körper ist modular aufgebaut, das heißt, jeder Körperteil ist wichtig, aber letztendlich keiner unverzichtbar." Das ist günstig, wenn man nicht flüchten kann.
Am Beispiel unserer fünf Sinne dekliniert Mancuso die pflanzlichen Techniken der Wahrnehmung durch. Vieles davon war in den letzten Jahren bereits in den unterschiedlichsten Sachbüchern nachzulesen, aber es ist noch nie mit solcher Verve vorgetragen worden wie hier. Von chemischen Düften als der bisher noch weitgehend unentschlüsselten Sprache von Pflanzen ist hier die Rede. Von den "mechanosensiblen Kanälen" an ihrer Epidermis, mit denen sie fühlen und hören.
Das Einfalten der Blätter bei Berührung, für das Mimosen so berühmt sind, zeigt sich hier plötzlich in neuem Licht: Es ist, wie man inzwischen weiß, kein konditionierter Reflex, sondern abwägendes Handeln. Denn wenn Mimosa pudica einen Reiz, etwa Regen oder Wind, als ungefährlich einstuft, bleiben die Blätter offen.

Bei Mancuso ist von ehrlichen Lupinen oder betrügerischen Ragwurzen die Rede, von wehrlosen und wehrhaften Maissorten, von der "Schüchternheit der Baumkronen" und von der Gehirnfunktion der Pflanzen, die in allen Zellen verfügbar ist und nicht wie bei Mensch und Tier auf ein Organ zusammengezogen. Er erklärt, wie Pflanzen ohne Nervenbahnen höchst effizient Informationen übermitteln und dass Wurzeln häufig Entscheidungen treffen müssen und das auch tun.
Wie man festgestellt hat, besitzen sie sogar eine Art "Schwarmintelligenz". Anders als der Mensch haben Pflanzen nicht nur fünf Sinne bzw. Pendants dazu, sondern insgesamt 15. Unter anderem für Bodenfeuchtigkeit, für Schwerkraft und elektromagnetische Felder.
So weitreichend sind ihre Fähigkeiten und so groß unsere diesbezügliche Blindheit, dass Mancuso abschließend mit einigem Recht sogar die Frage stellt, "was passieren würde, wenn wir eines schönen Tages außerirdischer Intelligenz begegnen? Würden wir sie überhaupt erkennen? Wahrscheinlich nicht. Denn offensichtlich kann sich der Mensch keine andere Intelligenz als seine eigene vorstellen."
Fast außerirdisch klingt deshalb auch die Kunde von Plantoiden, also Robotern, die pflanzliche Fähigkeiten nachahmen. Tatsächlich aber führt die Erforschung pflanzlicher Kommunikations- und Sozialsysteme schon seit einigen Jahren zur Entwicklung "völlig neuartiger, bisher unvorstellbarer Anwendungstechnologien", wie Mancuso berichtet.
Vielleicht werden diese bald den von menschlich-tierischen Eigenschaften beeinflussten androiden Robotern den Platz streitig machen.

Julia Kospach in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 44)


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