Klartraum
Roman

von Olga Flor

€ 23,00
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Verlag: Jung u. Jung
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.09.2017

Rezension aus FALTER 41/2017

A – P – C – T, wer tut wem am meisten weh?

Wahlverwandtschaften revisited: Olga Flor unterzieht ein Beziehungsviereck einer bestechenden Analyse

Die österreichische Schriftstellerin Olga Flor hat sich in ihrem bisherigen Romanwerk unter anderem mit der neoliberalen Zurichtung des mitteleuropäischen Subjekts („Erlkönig“, 2002), den Abgründen der Wohlfühlgesellschaft („Talschluss“, 2005), der verzweifelten Einsamkeit des Individuums („Kollateralschaden“, 2008), mit kaltblütiger Machtgier („Die Königin ist tot“, 2012) oder der Fragwürdigkeit von Identität in den neuen sozialen Medien („Ich in Gelb“, 2015) auseinandergesetzt. Aufhänger ihrer kritischen literarischen Kommentare waren meist Großfamilien bzw. Freundeskreise, deren komplexes Beziehungsgeflecht die Autorin akribisch analysierte. In ihrem neuen Roman „Klartraum“ dreht sie die bisherige inhaltliche Ausrichtung radikal um und stellt eine Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, während sie das Gesellschaftliche so weit in den Hintergrund rückt, dass es nichts mit den Figuren zu tun zu haben scheint.

Es fängt damit an, dass es aus ist zwischen P (wie Protagonistin) und A (wie ­Antagonist). Erzählt wird der Verlauf dieser Beziehung von ihrem Ende her und aus der ­Perspektive von P, die mit T Familie hat, und eine ­leidenschaftliche außereheliche ­Liebesbeziehung zu ihrem Jugendfreund A unterhält, der wiederum mit C Familie hat.
Das Beziehungsviereck A – P – C – T ist eine „Versuchsanordnung“, die sehr entfernt, aber nicht zufällig an Goethes Roman „Wahlverwandschaften“ (1809) erinnert. Während Goethes grundlegende und titelgebende Metapher auf die Eigenschaft chemischer Stoffe anspielt, sich bei der Annäherung anderer Elemente von bestehenden Verbindungen zu lösen und neue einzugehen, hat sich Flor eigenen Angaben zufolge an dem Coenzym ATP orientiert, eine Art biochemischer Batterie, welche durch Abspaltung der Phosphatgruppe P den intrazellulären Energielevel aufrechterhält.
Damit wäre eine mögliche Lesart dieser komplexen Geschichte gleich vorweggenommen: Denn es ist A, der auf einer Berliner Kreuzung den Schlussstrich zieht; A, dem das alles zu viel geworden ist und der durch den Ausschluss von P aus seinem Leben dieses wieder unter Kontrolle bekommen will.
P jedoch wird der Boden unter den Füßen weggezogen: Das Gedankenkarussell, das damit bei dieser in Gang gesetzt wird, kehrt immer wieder zu der Szene an der Kreuzung zurück, berührt aber auch andere Momente und Erlebnisse aus der Vergangenheit, welche von der Autorin in die Kategorien Glück, Lust, Verlust und Komik eingeteilt wurden, wobei sich die unter Lust und Verlust rubrizierten Abschnitte die Waage halten, derjenige zum Thema Glück aber der umfangreichste ist. Immerhin.
Nicht nur an der Wertschätzung dieses vergangenen Glücks ist zu erkennen, dass P eine reflektierte, gebildete, kluge und humorvolle Frau ist. Sie begibt sich mit dem Erfahrungsschatz eines halben Lebens in diese Beziehung, hält von Anfang an daran fest, die beiden Familien unangetastet zu lassen: „Bleib du nur ja bei deiner Frau“, äußert sie sich wiederholte Male gegenüber A, rückt von diesem souveränen Standpunkt jedoch umso weiter ab, je mehr sie von dieser leidenschaftlichen Liebe erfasst wird, ja spricht schließlich tatsächlich von „der großen Liebe“, über die sie in Gedanken mit As Frau C zu verhandeln beginnt.

Der Kontrast zwischen Vernunft und Leidenschaft, der bei Goethe von Eduard und Charlotte verkörpern wird, wird hier also ins Innere der Protagonistin verlegt und zu einem komplexen persönlichen Dilemma ausgearbeitet. P versucht – so erfährt man aus ihren Erinnerungen –, diese auf wenige Stunden und geheime Orte beschränkte Beziehung durch vernünftige Argumente im Zaum zu halten, hinterfragt jede Geste, jede Wahrnehmung, jede innere Regung. Sie stellt an sich selbst, etwa in Bezug auf ihre Körperlichkeit, so hohe Anforderungen, dass sie diesen niemals gerecht werden kann, und ergeht sich in Selbstzerfleischung. In anderen Phasen erinnert sie sich der Sinnlichkeit ihrer Begegnungen, des Wortwitzes, mit dem ihre Unterhaltungen gewürzt waren, und vor allem des erfüllenden Glücks, das sie im Sinne des platonischen Mythos vom Kugelmenschen als Wiedervereinigung mit ihrer anderen Hälfte denkt. Trotz rationaler Herangehensweise setzt sich immer wieder die Sehnsucht durch bzw. das Nichtbegreifenkönnen dieses intensiven Gefühlszustands.

Auch wenn die Protagonistin wie Treibholz von ihrem assoziativen Gedankenfluss mitgerissen zu werden scheint, lässt sich am Ende des Romans doch eine Entwicklung ausmachen. P versöhnt sich mit der komplexen Qualität von Liebe, zu der eben auch das Leiden zählt, oder die Erkenntnis, dass selbst die Liebe kein Mittel gegen die existenzielle Einsamkeit des Menschen ist. Sie ärgert sich über ihre unbewussten Unterwerfungsgesten und ihr genderstereotypes Leiden an der Liebe, was durch den Einschub eines Heldinnenmärchens ironisch konterkariert wird, und scheint sich allmählich zu beruhigen, weil sie einsieht, dass Gefühlen mit Vernunft ohnehin nicht beizukommen ist.
Olga Flor bringt Ps Gedankenfluss nebst Erzählerkommentaren fein ziseliert und mithilfe lustvoll arrangierter intertextueller Leihgaben zur Darstellung. Wie sie aus den Wahrnehmungen der Protagonistin Metaphern für deren inneren Zustände herausfiltert, wie sie die dominante Innenwelt allmählich durch die Außenwelt zurückdrängt; wie sie scheinbar ganz nebenbei den Sommer der akuten Flüchtlingsnot abhandelt und das Psychogramm einer Frau „in ihren besten Jahren“ zeichnet, das ist der Autorin wahrlich fabelhaft gelungen.

Alexandra Millner in FALTER 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 27)


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