The Big Lebowski

112 Minuten, DVD
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Themen Belletristik Humor
ISBN 5050582519150
Sprache Englisch, Deutsch
Erscheinungsdatum 01.10.2007
Größe 190 x 134 mm
Verlag/Label Universal Pictures
Produktion Joel Coen
Schauspieler / Schauspielerin John Goodman, Steve Buscemi, Tara Reid, Julianne Moore, Jeff Bridges
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HerstellerangabenAnzeigen
Christoph-Probst-Weg 26 | DE-20251 Hamburg
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Kurzbeschreibung des Verlags

Jeff Lebowski (Jeff Bridges), der sich schlicht Der Dude nennt, ist wohl der trägste Mensch von Los Angeles. Ein schlaffer Alt-Hippie, der sich ausschließlich von White Russian-Cocktails ernährt, am liebsten Walgesänge hört und auch den Joint nur selten aus der Hand legt. Die verbleibende Zeit widmet er gemeinsam mit seinen Freunden Walther (John Goodman) und Donny (Steve Buscemi) dem Bowling. Doch mit dem easy living ist es schlagartig vorbei, als Lebowski mit dem gleichnamigen Millionär verwechselt wird. Erst pinkeln zwei Geldeintreiber auf seinen Lieblingsteppich, dann wird er von ihnen verprügelt, um die Schulden seiner angeblichen Frau Bunny bei ihm einzukassieren. Schließlich wird eben diese Bunny entführt und der echte Mr. Lebowski heuert seinen Namensvetter als Lösegeldkurier an. Als der Dude auch noch die Geldübergabe vermasselt, geht der Ärger erst richtig los.

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ISBN 5050582519150
Sprache Englisch, Deutsch
Erscheinungsdatum 01.10.2007
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Schauspieler / Schauspielerin John Goodman, Steve Buscemi, Tara Reid, Julianne Moore, Jeff Bridges
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FALTER-Rezension

Mann im Schlafrock

Klaus Nüchtern in FALTER 13/2020 vom 25.03.2020 (S. 45)

Quarantäne kennt keine Krawatte, das Home-Office keinen Dresscode. Eine kleine Phänomenologie stilvoller Selbstverwahrlosung

Du läufst im Morgenrock herum, ziehst dich zum Essen nicht mal um, dein Haar, da baumeln kreuz und quer die Lockenwickler hin und her …“. Charles Aznavours Desillusionschanson „Du lässt dich geh’n“ richtet sich an eine Frau, aber die beschriebenen Symptome schleichender Selbstverwahrlosung sind kein weibliches Privileg, eher im Gegenteil.

„Hod dea ka Oide, de wos auf eam schaud?“, lautet der Wienerische Mustersatz, der den Anblick meist schon etwas älterer Herren begleitet, die es mit der Körperpflege nicht mehr so genau nehmen und die Flecken auf Hemd und Hose – im schlimmsten Falle: vorsätzlich ­– ignorieren.

In Zeiten, in denen es keine Businessmeetings mehr gibt, liegen die Verlockungen vorsätzlicher vestimentärer Verwahrlosung im Home-Office nahe: Für die Videokonferenz mag man schnell in ein Hemd schlüpfen, die Pyjamahose aber behält man an, sieht ja keiner.

Selbstverwahrlosung ist kein Privileg des Alters. Die literarische Blaupause aller Männer, die sich gehen lassen, ist ein junger Herr, „ein Mann von zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahren, mittelgroß und von angenehmem Äußeren“, wohnhaft in der Gorochowaja uliza, einer der belebtesten Hauptstraßen von Sankt Petersburg.

Die Rede ist von Ilja Iljitsch Oblomow, dem Protagonisten von Iwan Gontscharows 1859 erschienenem Roman gleichen Namens, der einer ganzen Lebensweise den Namen gab: der „Oblomowerei“.

Von Formen vorsätzlicher Faulenzerei unterscheidet sich diese durch den Umstand, dass sie alternativlos ist: „Das Liegen war für Ilja Iljitsch keine Notwendigkeit wie für einen Kranken oder wie für jemanden, der schlafen möchte, es war auch keine Zufälligkeit, wie für einen, der erschöpft ist, und kein Genuss wie für einen Faulpelz: Es war sein Normalzustand.“

60 Seiten braucht Oblomow, um aus dem Bett zu kommen – und damit ist aller Aufwand, zu dem er fähig ist, auch schon geleistet. Das wichtigste Accessoire dieser Existenzweise ist ein ursprünglich prächtiger, bestens mit Oblomows sanften Zügen und verzärteltem Körper harmonierender, im Verlauf der Jahre aber immer fadenscheiniger werdender Hausrock: „Er trug einen Chalat aus persischem Stoff, einen echt orientalischen Chalat, ohne das geringste Zugeständnis an Europa, ohne Troddeln, ohne Samt, ohne Taille, der so geräumig war, dass sich selbst Oblomow zweimal in ihn einwickeln konnte.“

Unter den Anti-Helden der Antriebslosigkeit findet sich auf der anderen Seite des Atlantiks Oblomows um sechs Jahre älterer Bruder im Geiste. Herman Melvilles „Bartleby, der Schreiber“ versieht seine Kopistendienste in einer Anwaltskanzlei an der Wall Street und wehrt mit „sanftmütige[r] Unverschämtheit“ alle darüber hinausgehenden Tätigkeiten mit der sturheil wiederholten Phrase „I would prefer not to“ ab.

Der Erzähler, Bartlebys ehemaliger Chef, der diesen als „farblos ordentlich, mitleiderregend anständig, rettungslos verlassen“ beschreibt, schildert eine Zufallsbegegnung mit seinem Angestellten, als er vor dem sonntäglichen Kirchgang in die Kanzlei schauen will und dort zu seiner Bestürzung durch den Türspalt den „Geist Bartlebys“ gewahrt – „in Hemdsärmeln und sonst in einem merkwürdig zerlumpten Morgenrock“.

Während Oblomow in den eigenen vier Wänden versumpft, zieht Bartleby ins Büro seines Brötchengebers, der es nicht übers Herz bringt, ihn vor die Tür zu setzen. Was dann dessen Nachfolger besorgt; worauf Bartleby, der nun auch die Nahrungsaufnahme verweigert, in kurzer Zeit im Gefängnis zugrunde geht. In beiden Fällen veranschaulicht der traurige Zustand des Rocks auch den Verfall seines Trägers.

Retrospektiv lässt sich sagen, dass sowohl der Stubenhocker aus Sankt Petersburg als auch sein transatlantisches Pendant gegenüber allen kapitalistischen oder kollektivistischen Aufforderungen, die noch folgen sollten, resistent geblieben wäre. Als Heroen subversiver Verweigerung aber taugen beide nicht.

Oblomow würde heute schlicht als „depressiv“ diagnostiziert werden, und Bartleby ist weniger ein psychologisch definierter Charakter als eine Chiffre des Aus-dem-Leben-gefallen-Seins.

Er ist als Referenzfigur für „den lebenslangen Generalstreik“ denkbar ungeeignet – auch wenn genau diesen einige Künstler und Intellektuelle unter dem Kollektiv-Namen „Haus Bartleby“ vor einigen Jahren in einer Flugschrift gegen einen „kapitalistischen Wachstums- und Karrierefetisch“ ausriefen.

Wie sieht es eineinhalb Jahrhunderte später aus? Um die letzte Jahrtausendwende hatte der Mann im Schlafrock wieder Saison. In den Filmen „The Big Lebowski“ (1998) und „Wonder Boys“ (2000) indiziert dieses Kleidungsstück aber tatsächlich eine Form subversiven Trotzes, quasi: Verwahrlosung als Selbstermächtigung.

In der Eröffnungssequenz von „The Big Lebowski“ wird der Protagonist vom Erzähler als „Mann der Stunde“ – „he’s the man for his time and place, he fits right in ­there“ – eingeführt, während die Kamera auf ihn zoomt. Auf dem menschenleeren Gang eines Supermarkts steht der von Jeff Bridges verkörperte Titelheld vor dem Regal: Sonnenbrille, Bademantel, Schlabbershorts und Schlapfen. Das soeben von ihm geöffnete und beschnüffelte Tetra Pak enthält eine Mischung aus Milch und Schlagobers (Half & Half), unabkömmliche Ingredienz für die Herstellung jener Cocktails, die Jeffrey Lebowski, genannt „The Dude“, rund um die Uhr in sich und seinen Hotzenplotzbart gießt. Zu den anderen Teilen bestehen White Russians aus Wodka und mexikanischem Kaffeelikör (Kahlúa) und weisen exakt denselben schmutzigen Beige-Ton auf, in dem auch der Bademantel und die XXXL-Strickjacke gehalten sind, die The Dude die meiste Zeit über trägt.

Als „wahrscheinlich faulster Mann von Los Angeles County“ wird The Dude durch die Verwechslung mit einem Milliardär gleichen Namens als Philip Marlowe des Slackertums, der eigentlich nur eine ruhige Bowlingkugel schieben will, in einen grotesken Noir-Plot samt Porno-Produzent, feministischer Aktionskunst und einem Häuflein doofer Nazis verwickelt und erweist sich in seinen Very Baggy Pants als Pionier des Manspreading avant le lettre.

Mit „The Big Lebowski“ teilt „Wonder Boys“ (nach dem gleichnamigen, 1995 erschienenen Roman von Michael Chabon) leitmotivisch eingesetzte Bob-Dylan-Songs und den exzessiven Drogenkonsum des Protagonisten.

Darüber hinaus hat Grady Tripp (Michael Douglas) so viele Probleme am Hals, dass diese hier nur ansatzweise aufgezählt werden können: Der Creative-Writing-Professor ist seit geraumer Zeit den Nachfolger zu seinem Erfolgsroman „The Arsonist’s Daughter“ schuldig und hat ein Verhältnis mit Sara (Frances McDormand!), der Frau seines Uni-Rektors. Im Kofferraum seines Wagens befinden sich darüber hinaus des gehörnten Gatten Marilyn-Monroe-Memorabilia sowie dessen toter Hund, der von Tripps Lieblingsstudenten James (Toby McGuire) erschossen wurde.

Als sich die Ereignisse überstürzen und Tripp eines verregneten Morgens vor die Tür seines Hauses tritt, um Sara (Frances McDormand!!) gegenüberzutreten, tut er dies im rosafarbenen und reich ornamentierten Frotteebademantel seiner Ex.

Befänden wir uns in einer Screwball Comedy mit Cary Grant („Bringing Up Baby“), würden aus dieser Szene Funken des Drag-Humors geschlagen (entsprechende Neigungen Grants sind verbürgt).

Michael Douglas aber trotzt seinem Auftritt eine paradoxe Würde ab: Tripp verkörpert die Grandezza eines Mannes, der Haltung gerade dadurch gewinnt, dass er auf deren Zurschaustellung verzichtet – und den Zuseherinnen und Zusehern eine der kürzesten, aber schönsten Liebesszenen der jüngeren Filmgeschichte beschert (Frances McDormand!!!).

Wie die angeführten Beispiele belegen, kann es allerlei bedeuten, wenn Männer in Morgenmäntel schlüpfen. Und die Geschichte der maskulinen Aneignung dieses Kleidungsstückes ist ereignisoffen. In Zeiten von Home-Office und Quarantäne ist fix damit zu rechnen, dass uns The Dude und Professor Tripp demnächst auch bei Billa und Hofer begegnen.

In dieser Rezension ebenfalls besprochen:

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