Geschichte des Westens
Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert

von Heinrich August Winkler

€ 41,10
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Geschichte
Umfang: 1343 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.03.2016

Rezension aus FALTER 11/2015

Was kommt als Nächstes im Westen?

Geschichte: Heinrich August Winkler kommt mit seiner "Geschichte des Westens" in der Gegenwart an

Allein der Umfang ist imposant und Ehrfurcht gebietend. Insgesamt sind es über 4.600 Seiten, die der deutsche Historiker Heinrich August Winkler seit 2009 bei C. H. Beck publiziert hat. Mit dem soeben erschienenen vierten Band ist das Reihenwerk, das hauptsächlich von der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts handelt, komplett.
Wer wagt heutzutage noch, solch ein Mammutprojekt in Angriff zu nehmen? Und das mit enormer Sachkenntnis, die wie nebenbei jede Menge Details einfließen lässt und auch Widerspruch erlaubt? Winkler behält souverän die Übersicht, entwickelt fast enzyklopädischen Eifer, ohne oberflächlich zu wirken.
Mit stilistischer Bravour steuert er die Lesbarkeit, die Erzählung fließt trotz Komplexität kompakt dahin. Ohne intellektuelle Aufdringlichkeit baut Winkler historische Analysen und zeitgenössische Diskurse ein.
Der 1938 in Königsberg geborene Doyen der deutschen Historiker, seit Jahrzehnten einer der kritischen Geister in der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, vermag jedenfalls mit seinen Kompendien auch ein großes Leserpublikum zu überzeugen.

Gegenwart! What's next?
Im soeben erschienenen letzten Buch der Tetralogie betritt Heinrich August Winkler schwankenden Boden: "Die Zeit der Gegenwart". Wie soll man ein Buch, das die großen Linien zeichnen will, gerade mitten in einer Zeitenwende abschließen?
Winkler muss Ratlosigkeit konzedieren. Die Kapitelüberschrift "Das Ende der Sicherheit" trifft zwar, ist aber gleichzeitig unbefriedigend. Der Analytiker wird flugs zum Auguren, der Historiker stöbert im Ungewissen: What's next?
Drei ausführlich beschriebene große Konfliktfelder Europas sieht Winkler gegenwärtig, die Konsens und Frieden bedrohen und das große Projekt des Westens infrage stellen: Erstens ist der Zusammenhalt der EU bedroht; bei den Europaratswahlen fiel ein Drittel der Stimmen auf EU-kritische oder EU-feindliche Parteien.
Zweitens baut sich rund um die Annexion der Krim und die Kämpfe im Osten der Ukraine, wo bereits Tausende ihr Leben ließen, ein großer Konflikt zwischen Russischer Föderation und EU/Nato auf. Drittens erobern im Irak und in Syrien IS-Fundamentalisten große Territorien und treiben die Destabilisierung des arabischen Raumes mit Ausstrahlung auf Europa weiter voran.
Dabei hatte das neue Zeitalter im Sinne des Westens so gut begonnen. Die Berliner Mauer fiel im Herbst 1989, der kommunistische Ostblock löste sich innerhalb einiger Monate auf, die Sowjetunion zerfiel mit dem Putsch gegen Gorbatschow 1991. Amerikaner und Westeuropäer sahen sich als Profiteure des Freiheitsdranges im Ostens.
Die USA triumphierten schlussendlich im Kalten Krieg, durften sich konkurrenzlos als einzige bestimmende militärische Weltmacht sehen, was politische Analysten in Erinnerung an das Römische Weltreich von der "pax americana" sprechen ließ.
Die EU dehnte sich Schritt für Schritt nach Osten aus, die Einführung des Euro war zur Vertiefung der innereuropäischen Beziehungen gedacht. Mit Clinton, Blair und Schröder betraten Politiker die politische Bühne, die Soft Power, sozialdemokratische Werte, internationale Kooperation repräsentierten.

Kein Ende der Geschichte
Winkler sieht allerdings schon in dieser Zeit Kräfte am Werk, die das Unheil der späteren Jahre ankündigten. Mit den einstürzenden Türmen des World Trade Centers 2001, mit George W. Bushs anschließendem "Krieg gegen den Terror" und der Weltfinanzkrise 2008 war dann die schöne Ansage vom "Ende der Geschichte", von der fortschreitenden Durchsetzung der "westlichen Werte" zumindest partiell vorbei.
Mit dem Krieg gegen Afghanistan, vor allem mit der Formierung der Anti-Saddam-Koalition begannen sich deutlich Risse im westlichen Gefüge zu zeigen. Die Bush-Administration teilte den Kontinent in ein altes und in ein neues Europa.
Winkler rechnet in aller nüchternen Deutlichkeit und beklemmenden Ausführlichkeit mit den damals führenden Politikern ab, die wesentliche Bestandteile der Wertegemeinschaft sistierten und Europa wie die USA an einen moralischen Abgrund führten. Rechtsstaatliche Grundsätze, Folterverbot oder die Geltung des Völkerrechts wurden über Bord geworfen, mit verheerenden Folgen.
Weltwirtschaftskrise, Bankenzusammenbrüche, Steuerflucht und Staatsschulden ließen dann in einer zweiten Welle viele Länder des alten Kontinents in Schock und Depression stürzen. Wie aus diesem Dilemma herausfinden, wenn gleichzeitig in Europa eine Renationalisierung stattfindet und eine wirtschaftspolitische Harmonisierung außer Sicht ist?
Winkler belebt in langen, schlüssigen Erzählungen, was an Entwicklungen und Ereignissen in den vergangenen Jahren an uns vorbeigezogen ist, zeichnet das Zeitgeschehen bis zum Herbst 2014 nach, entwirrt die im Kopf abgelegte Geschichte zu einer festgefügten Chronik der Jetztzeit.

Politik oder Konzerne?
Und da kommen auch Zweifel auf, ob Winkler für uns wirklich die große Übersicht formt, indem er sich auf Europa, die USA, Russland und den Nahen Osten konzentriert und den markanten Veränderungen der Geopolitik und Weltökonomie, den demografischen Entwicklungen und Migrationsströmungen, den neuen Big Player China, Indien und Brasilien so wenig Aufmerksamkeit schenkt.
Da mag hineinspielen, dass er mit allzu viel Leidenschaft sein Projekt von der "Geschichte des Westens" verfolgt, in das etwa der israelisch-palästinensische Konflikt, die rasanten ökonomischen Entwicklungen in den BRIC-Staaten, den asiatischen Schwellenländern oder Afrika nur begrenzt hineinpassen.
Winkler setzt weiterhin auf den Primat der Politik und vernachlässigt dabei, dass die Globalisierung der Weltwirtschaft, die Macht der internationalen Konzerne, die Sicherung der Rohstoffe, die internationale Arbeitsteilung oder die Mobilität von Produktion, Investitionen und Finanzprodukten die Politik längst am Tropf der Ökonomie hängen lassen. Die Regierungen kommen und gehen im Takt der Wahlen, es dominiert die "Alternativlosigkeit".
Am Fall Berlusconi zeigt Winkler, dass demokratische Institutionen und Gewaltenteilung vielfach zur Fassade einer "Postdemokratie" (Colin Crouch) geworden sind; aber dieser Befund traf nicht nur auf Italien zu.
Winklers normativer, im Kern ideengeschichtlicher Ansatz blieb in der bisherigen Rezeption seiner Arbeiten nicht unwidersprochen. Der wandelbare Begriff des "Westens" ist das Narrativ seiner Problemgeschichte.
In vielen Jahrhunderten hat sich Stück für Stück die "westliche Wertegemeinschaft" herausgebildet, in den frühen Manifesten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution hat die Idee von den unveräußerlichen Menschenrechten ihre Gründungsdokumente erhalten.

Menschenrechte und Kritik
Einmal in den Köpfen, so Winklers Mantra, haben sich die Prinzipien der Menschenwürde, der religiösen Toleranz, der Meinungsfreiheit, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität wie der Herrschaft des Rechts ihren Weg gebahnt, haben zu repräsentativer Demokratie geführt.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, beschlossen am 10. Dezember 1948 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen, hat die Idee des "Westens" zu weltweiter Gültigkeit erhoben. Seit dieser Globalisierung humanitärer Prinzipien steht die Berufung auf sie überall und jederzeit auf gesetzlicher Basis. Sie waren zwar oft nicht einklagbar, blieben aber nicht folgenlos: Wem Menschenrechte vorenthalten blieben, konnte sich auf sie berufen. Winkler sieht diesen Faktor als determinierende Kraft der Geschichte.
Im dritten Band der "Geschichte des Westens", "Vom Kalten Krieg zum Mauerfall", erschienen im September 2014, funktionierte Winklers methodisches Verfahren überzeugender. Die westlichen Demokratien machten nach 1945 die Menschenrechte zur Waffe im ideologischen Kampf gegen die kommunistischen Diktaturen.
Diese prangerten umgekehrt den Kolonialismus und die Rassendiskriminierung, den Darwinismus des Kapitalismus und die brutale Machtsicherung in Asien, Afrika und Lateinamerika an.
Die Stärke des Westens, so führt Winkler schlüssig aus, waren trotz aller (von ihm penibel geschilderten) Desaster Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit. Die subversive Kraft der Kritik hat den Westen über alle Krisen in der Konfrontation zwischen West und Ost zum Triumph geführt.
Anspruch und Realisierung von Winklers historiografischem Unternehmen machen staunen: Es schaut nach leichter Hand aus, aber es muss eine enorme Anstrengung gekostet haben, in der Komposition des Ganzen Wachheit und Konzentration zu halten und die Fäden nicht aus der Hand zu geben.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 36)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Geschichte des Westens (Heinrich August Winkler)
Geschichte des Westens (Heinrich August Winkler)
Geschichte des Westens (Heinrich August Winkler)

Rezension aus FALTER 42/2009

Wo hört der Westen auf?

Geschichte: Zwei Monumentalwerke betrachten die Geschichte des Westens bzw. der ganzen Welt

Heinrich August Winkler mag Erfolgsgeschichten. Vor neun Jahren erschien seine zweibändige Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert "Der lange Weg nach Westen", die in Konkurrenz zu den ähnlichen, allerdings etwas anders gewichteten Unternehmungen Hans-Ulrich Wehlers oder Thomas Nipperdeys auftrat. Nun zielt Winkler, zumindest vom äußeren Anschein her, auf die ganze Weltgeschichte. Seine "Geschichte des Westens" hat das Thema internationalisiert und in den großen Bogen – "Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert" – gespannt. Soeben ist der erste Band erschienen, fast 1300 Seiten stark.
"Die Demokratie ist auf dem Prüfstand, aber sie hat sich noch nicht blamiert", befand einst der in der Wirtschaftskrise wieder zu Ehren gekommene John Maynard Keynes. Angesichts des heraufziehenden postdemokratischen Berlusconismus sind sich viele heute nicht mehr so sicher. Die Skeptiker tun gut daran, einen Blick in Winklers große Erzählung der Demokratie zu werfen. Das Projekt von Volkssouveränität, Gewaltenteilung und Rechtsherrschaft, dessen Geschichte dieser in einem mächtigen Panorama ausbreitet, hat Höhen und Tiefen, Varianten und Abarten, vor allem aber eine stetige Weiterentwicklung gesehen. Auch wenn Winkler den jetzt erschienenen ersten Band mit dem Ersten Weltkrieg enden lässt, erzählt er in Summe eine Erfolgsgeschichte. Die repräsentative Demokratie hatte sich bis 1914 in den europäischen Ländern, wenn auch mit manchen Abstrichen, durchgesetzt.

Der Westen hatte im 18. Jahrhundert mit einem normativen Projekt begonnen, das zum Motor seiner Entwicklung wurde und an dem er sich immer wieder selbst messen lassen musste. Freilich hatte der Wiener Kongress versucht, die demokratischen Impulse zu beseitigen, aber gelungen ist dies nur sehr kurzfristig. 1848, das große Jahr der europäischen Revolution, konnte man noch bilanzieren: wie gewonnen, so zerronnen. Trotzdem ließ sich nach 1848 die Konstitutionalisierung nur verzögern. Kriegsniederlagen (siehe die k. k. Monarchie) boten Chancen für die Demokratisierung, beinhalteten aber auch Risiken. Stabiler erwies sich in der Regel der langsamere Weg der demokratischen Entwicklung wie in Großbritannien, das zwar weniger demokratische Höhenflüge und Hochgefühle, aber auch weniger Rückschläge erlebte. Winkler hat den Blick für die langen Wege der Geschichte.
Im Strudel des historischen Ablaufs erwies sich der Abstand zwischen Utopie und realer Praxis als erheblich und produzierte Verstöße gegen die eigenen Werte, die zu neuem Aufbruch Anlass gaben. Auch die Theoretiker der Demokratie kamen oft genug in Erklärungsnotstand. Schon die beiden ersten großen historischen Initialzündungen litten an krassen Widersprüchen. Die Amerikanische Revolution 1776 fand mit ihrer Erklärung der Menschenrechte weltweit ein begeistertes Echo, galt aber offensichtlich nicht für die Ureinwohner wie für die schwarzen Sklaven im eigenen Land. Die Französische Revolution 1789 versetzte halb Europa, ja selbst nüchterne Geister wie Immanuel Kant in Euphorie, aber die Jahre der Jakobinerherrschaft mit ihrem hohen Blutzoll waren für die Franzosen so ernüchternd, dass sie lieber auf Freiheit und Volksherrschaft verzichteten und bei Napoleon Sicherheit suchten. Dennoch haben die Werte der Amerikanischen und Französischen Revolution, die Winkler das "transatlantische Projekt" nennt, bis heute ihre Kraft als utopisches Leitbild erhalten.

Das demokratische Projekt war freilich auch der Humus für den Nationalismus mit seinen seltsamen Kreationen, die im Kontrast zur Freiheit standen. "Einig und frei" wollten die Vertreter des Deutschen Parlaments 1848 sein und beeilten sich, Böhmen, Mähren oder das Trentino ohne Rücksicht auf die Sprachverhältnisse für den deutschen Nationalstaat zu reklamieren. Das war der Stoff, aus dem die Weltkriege des 20. Jahrhunderts gemacht wurden. Ebenso verquer zur Demokratie verhielten sich die kolonialistischen Ambitionen und Abenteuer.
Der "Westen" ist für Winkler ein Kürzel für ein bestimmtes Wertesystem, das sich globalisiert hat und überall in der ganzen Welt Ansprüche stellt. Gleichzeitig legt sich Winkler auf eine politische Geografie fest. Das löst zumindest Irritation aus. Er beschäftigt sich etwa mit der Verwestlichung Japans, rechnet dieses aber nicht dem Westen zu. Dann und wann wird er noch expliziter und weiß genau, wo der Westen aufhört und der Osten anfängt. 1989 ist ihm kein Problem, weil da alte westliche Länder wieder zum Westen dazukamen. Verblüfft nimmt man zur Kenntnis, dass der Autor ansatzweise die Länder unter dem Einfluss der orthodoxen Kirche aus dem Westen exkludiert – betrifft das doch nicht nur Russland und die Ukraine, sondern auch die EU-Staaten Griechenland, Bulgarien und Rumänien. Nicht weiter verwunderlich ist es da, dass auch die Türkei (obwohl zum "westlichen Militärbündnis" zählend) trotz ihrer Geschichte beim "Westen" nicht dabei ist, weil sie den islamischen Ländern zuzurechnen war und ist. Merkwürdig mutet auch an, dass Winkler wiederholt von der Türkei spricht und das Osmanische Reich meint.

Aus Winklers Sicht beginnt die Zweiteilung im Römischen Reich, als sich Rom und Byzanz trennten und nie mehr zueinanderfinden sollten. Diese Auseinanderentwicklung wurde im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zementiert. Das westliche Europa erlebte eine dichte Folge von Religionskämpfen, die nie einen eindeutigen Sieger kannten. Kaiser und Päpste ritterten um die Vorherrschaft, Katholizismus und Protestantismus verschlangen sich in einem erbitterten Streit, und auch Ketzerbewegungen wie die Hussiten und die Hugenotten begründeten eine opferreiche Tradition der Religionsrevisionen und -transformationen – und damit die des freien Willens und der Freiheit. Die herrschenden Kirchen bekämpften die Abweichungen aufs Schärfste, aber ausrotten konnten sie das freie, individualisierte Denken nicht mehr. Die USA, eine Gründung von emigrierten Religionsabweichlern, waren dann das erste Land, in dem politische Gleichberechtigung und Religionsfreiheit zum Grundgesetz erhoben wurden.
Von dem, was der Okzident zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert an Freiheitsbewegungen erlebte, wurden der Balkan und Russland nicht erfasst. In den orthodoxen Ländern mit ihrem Staatskirchentum konnte sich der Bazillus der Aufklärung vorerst nicht verbreiten, entwickelten sich keine Modelle der Gewaltenteilung. Winkler unterstellt, dass diese Prägung bis heute Folgen hinterlassen hat, dass jahrhundertealte Traditionen noch in Köpfen und Strukturen am Werk sind.
Man darf gespannt erwarten, wie er im zweiten Band verfahren wird. Wird er weiterhin die osteuropäische Geschichte oder die Geschichte der modernen Türkei benachteiligen? Dabei zeichnete sich schon im 19. Jahrhundert ab, dass das demokratische Konzept keine Spezialität des Westens war, sondern sich globalisierte. Winkler führt bei der Behandlung des britischen Kolonialreichs Indien an, dass die "Teil­europäisierung des kolonialen Rechtswesens" die postkoloniale Entwicklung vorzubereiten half. Auch andere Einwände lassen sich vortragen. Die haben allerdings mit seiner Spezialisierung zu tun. Bei aller Breite seiner Darstellung lässt Winkler die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, technischen und kulturellen Entwicklungen nur am Rande Revue passieren. Er liefert Problemgeschichte und politische Ereignisgeschichte in einem. Indem er politische Philosophie und Realpolitik aufeinander bezieht, erzielt er sehr achtbare erzählerische Leistungen, die analytische Tiefe besitzen.

Jürgen Mirows "Weltgeschichte" ist da wesentlich unbescheidener. Auf 650 Seiten gibt dieses Buch einen umfassenden Aufriss der Weltgeschichte, und zwar von der biologischen Revolution anno 100.000 v. Chr. an – inklusive einer langen methodologischen Grundlegung, in der er die Ereignisgeschichte ziemlich brutal vom Tisch wischt und begründet, warum er sich auf Strukturen und Prozesse konzentriert. Das Ergebnis ist voraussehbar: holzschnitt­artig, aber durchaus anregend, weil Mirow spannende, durchaus ungewöhnliche Fragen stellt. Wie sieht die Entwicklung der Kontinente im Vergleich aus? Wieso fiel das chinesische Reich so weit zurück? Wieso gibt es Staaten? Wie bildeten sich Nationen und demokratische Systeme? Welche Tierarten wurden wann und wie über den Globus ex- und importiert, und was hat das mit der Demografie zu tun? Unter welchen Bedingungen entstanden die Schrift, später bei den Phöniziern das Alphabet oder die großen Weltreligionen? Die "Fragen eines lesenden Arbeiters" hat einst schon Brecht erstellt, Mirow fügt noch viele andere Fragen hinzu und hat dazu schnelle Antworten.

Alfred Pfoser in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 46)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Weltgeschichte

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