Geschichte des Westens
Die Zeit der Gegenwart

von Heinrich August Winkler

€ 30,80
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Allgemeines, Nachschlagewerke
Umfang: 687 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.02.2016


Rezension aus FALTER 11/2015

Was kommt als Nächstes im Westen?

Geschichte: Heinrich August Winkler kommt mit seiner "Geschichte des Westens" in der Gegenwart an

Allein der Umfang ist imposant und Ehrfurcht gebietend. Insgesamt sind es über 4.600 Seiten, die der deutsche Historiker Heinrich August Winkler seit 2009 bei C. H. Beck publiziert hat. Mit dem soeben erschienenen vierten Band ist das Reihenwerk, das hauptsächlich von der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts handelt, komplett.
Wer wagt heutzutage noch, solch ein Mammutprojekt in Angriff zu nehmen? Und das mit enormer Sachkenntnis, die wie nebenbei jede Menge Details einfließen lässt und auch Widerspruch erlaubt? Winkler behält souverän die Übersicht, entwickelt fast enzyklopädischen Eifer, ohne oberflächlich zu wirken.
Mit stilistischer Bravour steuert er die Lesbarkeit, die Erzählung fließt trotz Komplexität kompakt dahin. Ohne intellektuelle Aufdringlichkeit baut Winkler historische Analysen und zeitgenössische Diskurse ein.
Der 1938 in Königsberg geborene Doyen der deutschen Historiker, seit Jahrzehnten einer der kritischen Geister in der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, vermag jedenfalls mit seinen Kompendien auch ein großes Leserpublikum zu überzeugen.

Gegenwart! What's next?
Im soeben erschienenen letzten Buch der Tetralogie betritt Heinrich August Winkler schwankenden Boden: "Die Zeit der Gegenwart". Wie soll man ein Buch, das die großen Linien zeichnen will, gerade mitten in einer Zeitenwende abschließen?
Winkler muss Ratlosigkeit konzedieren. Die Kapitelüberschrift "Das Ende der Sicherheit" trifft zwar, ist aber gleichzeitig unbefriedigend. Der Analytiker wird flugs zum Auguren, der Historiker stöbert im Ungewissen: What's next?
Drei ausführlich beschriebene große Konfliktfelder Europas sieht Winkler gegenwärtig, die Konsens und Frieden bedrohen und das große Projekt des Westens infrage stellen: Erstens ist der Zusammenhalt der EU bedroht; bei den Europaratswahlen fiel ein Drittel der Stimmen auf EU-kritische oder EU-feindliche Parteien.
Zweitens baut sich rund um die Annexion der Krim und die Kämpfe im Osten der Ukraine, wo bereits Tausende ihr Leben ließen, ein großer Konflikt zwischen Russischer Föderation und EU/Nato auf. Drittens erobern im Irak und in Syrien IS-Fundamentalisten große Territorien und treiben die Destabilisierung des arabischen Raumes mit Ausstrahlung auf Europa weiter voran.
Dabei hatte das neue Zeitalter im Sinne des Westens so gut begonnen. Die Berliner Mauer fiel im Herbst 1989, der kommunistische Ostblock löste sich innerhalb einiger Monate auf, die Sowjetunion zerfiel mit dem Putsch gegen Gorbatschow 1991. Amerikaner und Westeuropäer sahen sich als Profiteure des Freiheitsdranges im Ostens.
Die USA triumphierten schlussendlich im Kalten Krieg, durften sich konkurrenzlos als einzige bestimmende militärische Weltmacht sehen, was politische Analysten in Erinnerung an das Römische Weltreich von der "pax americana" sprechen ließ.
Die EU dehnte sich Schritt für Schritt nach Osten aus, die Einführung des Euro war zur Vertiefung der innereuropäischen Beziehungen gedacht. Mit Clinton, Blair und Schröder betraten Politiker die politische Bühne, die Soft Power, sozialdemokratische Werte, internationale Kooperation repräsentierten.

Kein Ende der Geschichte
Winkler sieht allerdings schon in dieser Zeit Kräfte am Werk, die das Unheil der späteren Jahre ankündigten. Mit den einstürzenden Türmen des World Trade Centers 2001, mit George W. Bushs anschließendem "Krieg gegen den Terror" und der Weltfinanzkrise 2008 war dann die schöne Ansage vom "Ende der Geschichte", von der fortschreitenden Durchsetzung der "westlichen Werte" zumindest partiell vorbei.
Mit dem Krieg gegen Afghanistan, vor allem mit der Formierung der Anti-Saddam-Koalition begannen sich deutlich Risse im westlichen Gefüge zu zeigen. Die Bush-Administration teilte den Kontinent in ein altes und in ein neues Europa.
Winkler rechnet in aller nüchternen Deutlichkeit und beklemmenden Ausführlichkeit mit den damals führenden Politikern ab, die wesentliche Bestandteile der Wertegemeinschaft sistierten und Europa wie die USA an einen moralischen Abgrund führten. Rechtsstaatliche Grundsätze, Folterverbot oder die Geltung des Völkerrechts wurden über Bord geworfen, mit verheerenden Folgen.
Weltwirtschaftskrise, Bankenzusammenbrüche, Steuerflucht und Staatsschulden ließen dann in einer zweiten Welle viele Länder des alten Kontinents in Schock und Depression stürzen. Wie aus diesem Dilemma herausfinden, wenn gleichzeitig in Europa eine Renationalisierung stattfindet und eine wirtschaftspolitische Harmonisierung außer Sicht ist?
Winkler belebt in langen, schlüssigen Erzählungen, was an Entwicklungen und Ereignissen in den vergangenen Jahren an uns vorbeigezogen ist, zeichnet das Zeitgeschehen bis zum Herbst 2014 nach, entwirrt die im Kopf abgelegte Geschichte zu einer festgefügten Chronik der Jetztzeit.

Politik oder Konzerne?
Und da kommen auch Zweifel auf, ob Winkler für uns wirklich die große Übersicht formt, indem er sich auf Europa, die USA, Russland und den Nahen Osten konzentriert und den markanten Veränderungen der Geopolitik und Weltökonomie, den demografischen Entwicklungen und Migrationsströmungen, den neuen Big Player China, Indien und Brasilien so wenig Aufmerksamkeit schenkt.
Da mag hineinspielen, dass er mit allzu viel Leidenschaft sein Projekt von der "Geschichte des Westens" verfolgt, in das etwa der israelisch-palästinensische Konflikt, die rasanten ökonomischen Entwicklungen in den BRIC-Staaten, den asiatischen Schwellenländern oder Afrika nur begrenzt hineinpassen.
Winkler setzt weiterhin auf den Primat der Politik und vernachlässigt dabei, dass die Globalisierung der Weltwirtschaft, die Macht der internationalen Konzerne, die Sicherung der Rohstoffe, die internationale Arbeitsteilung oder die Mobilität von Produktion, Investitionen und Finanzprodukten die Politik längst am Tropf der Ökonomie hängen lassen. Die Regierungen kommen und gehen im Takt der Wahlen, es dominiert die "Alternativlosigkeit".
Am Fall Berlusconi zeigt Winkler, dass demokratische Institutionen und Gewaltenteilung vielfach zur Fassade einer "Postdemokratie" (Colin Crouch) geworden sind; aber dieser Befund traf nicht nur auf Italien zu.
Winklers normativer, im Kern ideengeschichtlicher Ansatz blieb in der bisherigen Rezeption seiner Arbeiten nicht unwidersprochen. Der wandelbare Begriff des "Westens" ist das Narrativ seiner Problemgeschichte.
In vielen Jahrhunderten hat sich Stück für Stück die "westliche Wertegemeinschaft" herausgebildet, in den frühen Manifesten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution hat die Idee von den unveräußerlichen Menschenrechten ihre Gründungsdokumente erhalten.

Menschenrechte und Kritik
Einmal in den Köpfen, so Winklers Mantra, haben sich die Prinzipien der Menschenwürde, der religiösen Toleranz, der Meinungsfreiheit, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität wie der Herrschaft des Rechts ihren Weg gebahnt, haben zu repräsentativer Demokratie geführt.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, beschlossen am 10. Dezember 1948 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen, hat die Idee des "Westens" zu weltweiter Gültigkeit erhoben. Seit dieser Globalisierung humanitärer Prinzipien steht die Berufung auf sie überall und jederzeit auf gesetzlicher Basis. Sie waren zwar oft nicht einklagbar, blieben aber nicht folgenlos: Wem Menschenrechte vorenthalten blieben, konnte sich auf sie berufen. Winkler sieht diesen Faktor als determinierende Kraft der Geschichte.
Im dritten Band der "Geschichte des Westens", "Vom Kalten Krieg zum Mauerfall", erschienen im September 2014, funktionierte Winklers methodisches Verfahren überzeugender. Die westlichen Demokratien machten nach 1945 die Menschenrechte zur Waffe im ideologischen Kampf gegen die kommunistischen Diktaturen.
Diese prangerten umgekehrt den Kolonialismus und die Rassendiskriminierung, den Darwinismus des Kapitalismus und die brutale Machtsicherung in Asien, Afrika und Lateinamerika an.
Die Stärke des Westens, so führt Winkler schlüssig aus, waren trotz aller (von ihm penibel geschilderten) Desaster Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit. Die subversive Kraft der Kritik hat den Westen über alle Krisen in der Konfrontation zwischen West und Ost zum Triumph geführt.
Anspruch und Realisierung von Winklers historiografischem Unternehmen machen staunen: Es schaut nach leichter Hand aus, aber es muss eine enorme Anstrengung gekostet haben, in der Komposition des Ganzen Wachheit und Konzentration zu halten und die Fäden nicht aus der Hand zu geben.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 36)


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