Geschichte des Westens
Die Zeit der Weltkriege 1914-1945

von Heinrich August Winkler

€ 41,10
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Geschichte
Umfang: 1350 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.12.2016


Rezension aus FALTER 11/2015

Was kommt als Nächstes im Westen?

Geschichte: Heinrich August Winkler kommt mit seiner "Geschichte des Westens" in der Gegenwart an

Allein der Umfang ist imposant und Ehrfurcht gebietend. Insgesamt sind es über 4.600 Seiten, die der deutsche Historiker Heinrich August Winkler seit 2009 bei C. H. Beck publiziert hat. Mit dem soeben erschienenen vierten Band ist das Reihenwerk, das hauptsächlich von der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts handelt, komplett.
Wer wagt heutzutage noch, solch ein Mammutprojekt in Angriff zu nehmen? Und das mit enormer Sachkenntnis, die wie nebenbei jede Menge Details einfließen lässt und auch Widerspruch erlaubt? Winkler behält souverän die Übersicht, entwickelt fast enzyklopädischen Eifer, ohne oberflächlich zu wirken.
Mit stilistischer Bravour steuert er die Lesbarkeit, die Erzählung fließt trotz Komplexität kompakt dahin. Ohne intellektuelle Aufdringlichkeit baut Winkler historische Analysen und zeitgenössische Diskurse ein.
Der 1938 in Königsberg geborene Doyen der deutschen Historiker, seit Jahrzehnten einer der kritischen Geister in der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, vermag jedenfalls mit seinen Kompendien auch ein großes Leserpublikum zu überzeugen.

Gegenwart! What's next?
Im soeben erschienenen letzten Buch der Tetralogie betritt Heinrich August Winkler schwankenden Boden: "Die Zeit der Gegenwart". Wie soll man ein Buch, das die großen Linien zeichnen will, gerade mitten in einer Zeitenwende abschließen?
Winkler muss Ratlosigkeit konzedieren. Die Kapitelüberschrift "Das Ende der Sicherheit" trifft zwar, ist aber gleichzeitig unbefriedigend. Der Analytiker wird flugs zum Auguren, der Historiker stöbert im Ungewissen: What's next?
Drei ausführlich beschriebene große Konfliktfelder Europas sieht Winkler gegenwärtig, die Konsens und Frieden bedrohen und das große Projekt des Westens infrage stellen: Erstens ist der Zusammenhalt der EU bedroht; bei den Europaratswahlen fiel ein Drittel der Stimmen auf EU-kritische oder EU-feindliche Parteien.
Zweitens baut sich rund um die Annexion der Krim und die Kämpfe im Osten der Ukraine, wo bereits Tausende ihr Leben ließen, ein großer Konflikt zwischen Russischer Föderation und EU/Nato auf. Drittens erobern im Irak und in Syrien IS-Fundamentalisten große Territorien und treiben die Destabilisierung des arabischen Raumes mit Ausstrahlung auf Europa weiter voran.
Dabei hatte das neue Zeitalter im Sinne des Westens so gut begonnen. Die Berliner Mauer fiel im Herbst 1989, der kommunistische Ostblock löste sich innerhalb einiger Monate auf, die Sowjetunion zerfiel mit dem Putsch gegen Gorbatschow 1991. Amerikaner und Westeuropäer sahen sich als Profiteure des Freiheitsdranges im Ostens.
Die USA triumphierten schlussendlich im Kalten Krieg, durften sich konkurrenzlos als einzige bestimmende militärische Weltmacht sehen, was politische Analysten in Erinnerung an das Römische Weltreich von der "pax americana" sprechen ließ.
Die EU dehnte sich Schritt für Schritt nach Osten aus, die Einführung des Euro war zur Vertiefung der innereuropäischen Beziehungen gedacht. Mit Clinton, Blair und Schröder betraten Politiker die politische Bühne, die Soft Power, sozialdemokratische Werte, internationale Kooperation repräsentierten.

Kein Ende der Geschichte
Winkler sieht allerdings schon in dieser Zeit Kräfte am Werk, die das Unheil der späteren Jahre ankündigten. Mit den einstürzenden Türmen des World Trade Centers 2001, mit George W. Bushs anschließendem "Krieg gegen den Terror" und der Weltfinanzkrise 2008 war dann die schöne Ansage vom "Ende der Geschichte", von der fortschreitenden Durchsetzung der "westlichen Werte" zumindest partiell vorbei.
Mit dem Krieg gegen Afghanistan, vor allem mit der Formierung der Anti-Saddam-Koalition begannen sich deutlich Risse im westlichen Gefüge zu zeigen. Die Bush-Administration teilte den Kontinent in ein altes und in ein neues Europa.
Winkler rechnet in aller nüchternen Deutlichkeit und beklemmenden Ausführlichkeit mit den damals führenden Politikern ab, die wesentliche Bestandteile der Wertegemeinschaft sistierten und Europa wie die USA an einen moralischen Abgrund führten. Rechtsstaatliche Grundsätze, Folterverbot oder die Geltung des Völkerrechts wurden über Bord geworfen, mit verheerenden Folgen.
Weltwirtschaftskrise, Bankenzusammenbrüche, Steuerflucht und Staatsschulden ließen dann in einer zweiten Welle viele Länder des alten Kontinents in Schock und Depression stürzen. Wie aus diesem Dilemma herausfinden, wenn gleichzeitig in Europa eine Renationalisierung stattfindet und eine wirtschaftspolitische Harmonisierung außer Sicht ist?
Winkler belebt in langen, schlüssigen Erzählungen, was an Entwicklungen und Ereignissen in den vergangenen Jahren an uns vorbeigezogen ist, zeichnet das Zeitgeschehen bis zum Herbst 2014 nach, entwirrt die im Kopf abgelegte Geschichte zu einer festgefügten Chronik der Jetztzeit.

Politik oder Konzerne?
Und da kommen auch Zweifel auf, ob Winkler für uns wirklich die große Übersicht formt, indem er sich auf Europa, die USA, Russland und den Nahen Osten konzentriert und den markanten Veränderungen der Geopolitik und Weltökonomie, den demografischen Entwicklungen und Migrationsströmungen, den neuen Big Player China, Indien und Brasilien so wenig Aufmerksamkeit schenkt.
Da mag hineinspielen, dass er mit allzu viel Leidenschaft sein Projekt von der "Geschichte des Westens" verfolgt, in das etwa der israelisch-palästinensische Konflikt, die rasanten ökonomischen Entwicklungen in den BRIC-Staaten, den asiatischen Schwellenländern oder Afrika nur begrenzt hineinpassen.
Winkler setzt weiterhin auf den Primat der Politik und vernachlässigt dabei, dass die Globalisierung der Weltwirtschaft, die Macht der internationalen Konzerne, die Sicherung der Rohstoffe, die internationale Arbeitsteilung oder die Mobilität von Produktion, Investitionen und Finanzprodukten die Politik längst am Tropf der Ökonomie hängen lassen. Die Regierungen kommen und gehen im Takt der Wahlen, es dominiert die "Alternativlosigkeit".
Am Fall Berlusconi zeigt Winkler, dass demokratische Institutionen und Gewaltenteilung vielfach zur Fassade einer "Postdemokratie" (Colin Crouch) geworden sind; aber dieser Befund traf nicht nur auf Italien zu.
Winklers normativer, im Kern ideengeschichtlicher Ansatz blieb in der bisherigen Rezeption seiner Arbeiten nicht unwidersprochen. Der wandelbare Begriff des "Westens" ist das Narrativ seiner Problemgeschichte.
In vielen Jahrhunderten hat sich Stück für Stück die "westliche Wertegemeinschaft" herausgebildet, in den frühen Manifesten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution hat die Idee von den unveräußerlichen Menschenrechten ihre Gründungsdokumente erhalten.

Menschenrechte und Kritik
Einmal in den Köpfen, so Winklers Mantra, haben sich die Prinzipien der Menschenwürde, der religiösen Toleranz, der Meinungsfreiheit, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität wie der Herrschaft des Rechts ihren Weg gebahnt, haben zu repräsentativer Demokratie geführt.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, beschlossen am 10. Dezember 1948 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen, hat die Idee des "Westens" zu weltweiter Gültigkeit erhoben. Seit dieser Globalisierung humanitärer Prinzipien steht die Berufung auf sie überall und jederzeit auf gesetzlicher Basis. Sie waren zwar oft nicht einklagbar, blieben aber nicht folgenlos: Wem Menschenrechte vorenthalten blieben, konnte sich auf sie berufen. Winkler sieht diesen Faktor als determinierende Kraft der Geschichte.
Im dritten Band der "Geschichte des Westens", "Vom Kalten Krieg zum Mauerfall", erschienen im September 2014, funktionierte Winklers methodisches Verfahren überzeugender. Die westlichen Demokratien machten nach 1945 die Menschenrechte zur Waffe im ideologischen Kampf gegen die kommunistischen Diktaturen.
Diese prangerten umgekehrt den Kolonialismus und die Rassendiskriminierung, den Darwinismus des Kapitalismus und die brutale Machtsicherung in Asien, Afrika und Lateinamerika an.
Die Stärke des Westens, so führt Winkler schlüssig aus, waren trotz aller (von ihm penibel geschilderten) Desaster Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit. Die subversive Kraft der Kritik hat den Westen über alle Krisen in der Konfrontation zwischen West und Ost zum Triumph geführt.
Anspruch und Realisierung von Winklers historiografischem Unternehmen machen staunen: Es schaut nach leichter Hand aus, aber es muss eine enorme Anstrengung gekostet haben, in der Komposition des Ganzen Wachheit und Konzentration zu halten und die Fäden nicht aus der Hand zu geben.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 36)



Rezension aus FALTER 41/2011

Wie man vom Krieg erzählen kann

Zeitgeschichte: Peter Englund und August Heinrich Winkler beleuchten den Ersten Weltkrieg und die Folgen

Schnell sollte es gehen, zu Weihnachten sollten die mit einem Hurra verabschiedeten Soldaten schon längst wieder zu Hause sein. Was dann nach dem August 1914 kam, war alles andere als eine Einlösung der Erwartungen. Sigmund Freud schrieb 1915 von der "Enttäuschung des Krieges": Nicht nur, dass sich die vier Monate zu mehr als vier Jahren streckten. Der erste Maschinenkrieg mit Maschinengewehren, Feuerwalzen, Gaseinsatz, Panzern und Bombenabwürfen hatte mehr parat, als die sauberen Siegerfantasien des Beginns vorsahen.
Die Beteiligten wurden durch die ständige Todesnähe in ein neues Terrain der Erfahrungen geführt. Der Zufall führte beim Überleben Regie, bescherte das Glück des Davonkommens und Verzweiflung bei Verwundungen. Mordfantasien und Mitleid, Langeweile und Strapazen, Einsamkeit und Kameraderie, Heldenstolz und Vergessen wechselten einander ab.

"Short Cuts" aus 1914 bis 1918
"Schönheit und Schrecken" bringt "Short Cuts" aus den Jahren 1914 bis 1918, chronologisch strukturiert. 19 Biografien, aus denen einzelne Tage herausgezogen werden. Der Erste Weltkrieg, zerschnipselt in kurze Momente. Peter Englund erfindet ein eigenes Genre, eine Mischung aus Biografie, Autobiografie, Roman und Geschichtsschreibung. 19 Personen finden in diesem Puzzle zusammen, erzählen ihre Geschichten, breiten ihre Erlebnisse und Eindrücke aus, werden in ihren Interessen, Beziehungen und Gefühlswelten sichtbar, bekommen auch durch Fotos ein Gesicht.
In Summe sollen sie das große Ganze der Ersten Weltkriegs erzählen, aus der Sicht von "unten" Art und Verlauf der Kämpfe und Kriegsfronten nachvollziehbar machen, beginnend mit Kampfeseifer des August 1914 und endend mit Wut und Not des Jahres 1918. Englund beansprucht für seine Gruppe Repräsentativität, die einzelnen Personen unterscheiden sich deswegen in Herkunft, Nation, Geschlecht, Ausbildung, Rang und Alter.
Ein zwölfjähriges Schulmädchen aus dem Deutschen Reich ist genauso mit dabei wie ein amerikanischer Neurologe, den sein Interesse für "Kriegszitterer" freiwillig in Europas Lazarette führt. Eine Engländerin hält es zu Hause nicht aus, fährt mit einem Sanitätsauto an die Front in Flandern, um zusammen mit anderen Frauen zu helfen. Ein deutscher Matrose träumt vom heroischen Einsatz fürs Vaterland und fadisiert sich zu seiner Überraschung im U-Boot-Krieg, in dem Putzen die Hauptbeschäftigung ist.
Englund schaltet von der deutsch-französischen zur österreichisch-russischen Front um, wir hüpfen vom Isonzo nach Gallipoli an den Dardanellen oder nach Deutsch-Südwestafrika, wo britische Truppen die deutschen Gegner nicht und nicht finden können und Soldaten zu Tausenden an Malaria sterben.

Der Krieg und das Erzählen
Der Schriftsteller und Historiker Englund, nicht nur bekannt geworden als Vorsitzender der Nobelpreisjury, beteiligt an seiner spannend zu lesenden Montage über den Ersten Weltkrieg keine Promis, keine Politiker, keine Offiziere aus der ersten Führungsriege, keine Künstler und prominenten Schriftsteller.
Er holt sich sein Material aus Briefbänden und Tagebüchern unbekannter Menschen, die auch inmitten des Kampfes regelmäßig ihrem Drang nach Dokumentation und Selbstversicherung nachgekommen sind. Er zitiert häufig, aber stellt gleichzeitig klar, dass er selbst es ist, der erzählt, der den Rahmen baut, der die individuelle Geschichte mit historischem Wissen anreichert und die vielleicht zu grob oder subjektiv behauenen Stücke der Vorlage in eine kompaktere, analytischere Form bringt.
Der Titel entspricht in seiner marktschreierischen Wuchtigkeit nicht dem vielstimmigen Konzert des Buches. Der "Schrecken" wird greifbar, aber von "Schönheit" ist nicht viel zu lesen, eher von der Verführung, von der Bereitschaft der Menschen, sich auf das Extreme einzulassen, mit pochendem Herzen darauf zu warten, wohin die Gefahr einen trägt.
Die bekannten Romane über den Ersten Weltkrieg (von Erich Maria Remarque, Ernst Jünger oder Ernest Hemingway) mögen tiefer in die existenzielle Dimension des Krieges eingedrungen sein, reißen aber bei weitem nicht die geografische Weite und Erfahrungsvielfalt dieses Buches auf. Indem Englund versucht, jeder Person Platz zu geben, entsteht ein sehr lebendiges Kaleidoskop, das die Mitte zwischen universeller Geschichtsschreibung und individueller Lebenserzählung ansteuert.
Durch die Montagetechnik ergeben sich Kontraste wie Parallelführungen, werden unterschiedliche Kontinente und Lebenszusammenhänge zu einer Einheit verwoben. Gerade weil das Buch mit seinen 220 Kapiteln starke Schnitte setzt, verstärkt sich die Spannung, werden Neugier und Erschütterung intensiv befördert.
"Schönheit und Schrecken" hat das Zeug zu einem Beststeller. Vielleicht gelingt Englund eine fortführende Ergänzung zu Barbara Tuchmans "August 1914" von 1962. In Schweden verkaufte sich Englunds Buch übrigens bereits 120.000-mal.

Der Krieg und der Westen
Den ersten Band seiner "Geschichte des Westens" (2009) hat Heinrich August Winkler aus nachvollziehbaren Gründen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs enden lassen. In Summe konnte er bis zu diesem Zeitpunkt für den "Westen" eine Erfolgsgeschichte erzählen. In allen europäischen Ländern hatte sich bis 1914, wenn auch mit manchen Abstrichen, die repräsentative Demokratie mit Volkssouveränität, Gewaltenteilung und Rechtsherrschaft durchgesetzt.
Jetzt folgt der zweite Band, der im großen Panorama von 1200 Seiten die politische Geschichte von1914 bis 1945 abhandelt. Das sind die Jahre, die sich wahrlich nicht vorrangig in das normative Projekt des Westens eingliedern lassen, sondern in der Geschichtsschreibung als "Zeitalter der Katastrophe" (Eric Hobsbawn) gelten.
Ein Zivilisationsbruch folgte dem anderen, Meinungs-, Versammlungsfreiheit und Minderheitenrechte gingen in den nationalistischen Großkampfstrategien unter. Bereits der Erste Weltkrieg, erst recht der Zweite kannte keine Unterscheidung mehr zwischen Militärs und Zivilisten. Die bolschewistische Revolution setzte alles auf die Machtfrage, riskierte Diktatur und Bürgerkrieg.
Autoritäre Regimes verdrängten vor allem in Ost- und Mitteleuropa alle checks and balances des Parlaments und Rechtsstaats. Der Faschismus in Italien dekretierte die gewaltsame Überwindung des Klassenkampfes, der Nationalsozialismus wollte das deutsche Volk "heim ins Reich" führen und die Welt von den Juden "erlösen". Winklers Auflistung der Untaten dieser Epoche schließt auch den Bombenkrieg auf die deutschen Städte und die Vertreibungspolitik nach 1945 nicht aus.
Deutschland war der Plagegeist Europas, der Revanchismus blühte nicht nur an den politischen Rändern, Weltmachtgelüste bescherten militärische Aufrüstung. Die parlamentarische Demokratie galt den Eliten in Industrie, Verwaltung und Militär als "undeutsch" und als Staatsform der Sieger. Die antiwestlichen Ressentiments wuchsen sich zu monströsen Ideologien aus. Als die Weltwirtschaftskrise in Deutschland ankam, stand der Nationalsozialismus als extremste Form des autoritären Denkens schon bereit, um es auf die Machtfrage in Europa ankommen zu lassen.

Wiederholung und Fortschritt
Winkler versucht zu erzählen und zu erläutern, warum das aufstrebende Deutsche Reich zweimal Krieg und Katastrophe riskierte, in der Julikrise 1914 bewusst die europäische Konfrontation suchte und nach 1918 die Vergangenheitsbewältigung verpasste. Fixiert auf die Opferrolle, glaubten die Deutschen mit moralischer Berechtigung, Verbrechen wie den militärischen Überfall auf die Nachbarn im Osten und Westen und die Ausrottung der Juden begehen zu können.
Ganz eindimensional möchte allerdings Winkler sein imposant erzähltes Großgemälde Europas nicht halten. Die Jahre 1914 bis 1945 werden von ihm keineswegs nur als zweiter "Dreißigjährige Krieg" bilanziert, sondern auch als enormer Schub für das demokratische Projekt.
Viele Völker Mittel- und Osteuropas konnten 1918 erstmals in eigenen Staaten eine neue Freiheit erleben. 1918 hatte es für einen Moment durchaus so ausgesehen, als könnte eine neue, stabile Weltordnung geschaffen werden.
Woodrow Wilsons Visionen eines durch den Völkerbund ausbalancierten Europas fanden sowohl bei der Bevölkerung der Alliierten als auch bei der der Achsenmächte ein begeisterndes Echo. Was folgte, war freilich von anderer Art. Wilson verlor in den USA die Wahlen; am Ende hieß das auch, dass sich die USA dem Völkerbund verweigerten.
Auch in Großbritannien und Frankreich siegten die nationalistischen Hardliner. Die neue demokratische Weimarer Republik hatte mit der großen Bürde hoher Reparationszahlungen und militärischer Besetzung (Saarland, Ruhr) zu leben, schlug sich aber tapfer. In den 1920er-Jahren sah es kurze Zeit für den Erfolg des "Westens" nicht so schlecht aus.

Alfred Pfoser in FALTER 41/2011 vom 14.10.2011 (S. 43)


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