Die Bagage

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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Von uns wird man noch lange reden.“ Monika Helfers neuer Roman „Die Bagage“ – eine berührende Geschichte von Herkunft und Familie
Josef und Maria Moosbrugger leben mit ihren Kindern am Rand eines Bergdorfes. Sie sind die Abseitigen, die Armen, die Bagage. Es ist die Zeit des ersten Weltkriegs und Josef wird zur Armee eingezogen. Die Zeit, in der Maria und die Kinder allein zurückbleiben und abhängig werden vom Schutz des Bürgermeisters. Die Zeit, in der Georg aus Hannover in die Gegend kommt, der nicht nur hochdeutsch spricht und wunderschön ist, sondern eines Tages auch an die Tür der Bagage klopft. Und es ist die Zeit, in der Maria schwanger wird mit Grete, dem Kind der Familie, mit dem Josef nie ein Wort sprechen wird: der Mutter der Autorin. Mit großer Wucht erzählt Monika Helfer die Geschichte ihrer eigenen Herkunft.

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FALTER-Rezension

We Are Family!

In ihrem Roman „Die Bagage“ erzählt Monika Helfer von ihrer Familie und macht daraus eine überzeugende Heldengeschichte

An Generationen- und Familienromanen herrscht nun wirklich kein Mangel, jetzt hat auch Monika Helfer einen vorgelegt. Um festzustellen, dass er sich von den meisten anderen unterscheidet, braucht man ihn freilich nicht einmal zu lesen, denn mit 160 Seiten ist „Die Bagage“ ein unüblich schlanker Vertreter dieses doch zum Embonpoint neigenden Genres. Wobei die Autorin nicht als versteckte Strippenzieherin im Schnürboden der Fiktion fungiert, sondern sich schon auf der zweiten Seite als Involvierte zu erkennen gibt. Das zweijährige Mädchen, das in der Eingangsszene beschrieben wird und ins Bett der Eltern krabbelt, „war meine Mutter, Margarete, eine Scheue, die jedes Mal, wenn sie auf ihren Vater traf, sich duckte und nach dem Rock der Mutter schaute“.

Über „Königin Grete“, wie das kleine Mädchen einmal von ihrer älteren Schwester genannt wird, erfahren wir nicht sehr viel – außer dass sie bestimmt keine Königin sein wollte, immer krank war und früh verstarb. Einiges mehr erzählt der Roman über deren Mutter Maria, Frau von, ausgerechnet, Josef und zum Zeitpunkt, da die eigentliche Handlung einsetzt, Mutter von vier Kindern; drei weitere, darunter besagte Grete, sollten noch folgen.

Obwohl die Großmutter Helfers im Zentrum des Buches steht, könnte man sagen, dass die titelgebende „Bagage“ die eigentliche Heldin ist: „Die Bagage“, das sind eben Josef, Maria und ihre heranwachsende Kinderschar, wohnhaft im hintersten Winkel des Dorfes, eine Stunde Gehzeit von der Kirche, am Fuße des Berges, dort, wo der Grund am billigsten ist. Besitz: zwei Kühe und eine Ziege.

Daraus, dass die sporadisch auch als Ich-Erzählerin in Erscheinung tretende Autorin Partei ist, macht sie keinen Hehl. Was hätte, so überlegt sie an einer Stelle, aus ihrem Onkel Lorenz werden können, „wenn er nicht einer von der Bagage gewesen wäre!“ Der kuriose Einsatz des Rufzeichens mag andeuten, dass die Frage nur rhetorisch gemeint war. Und der Umstand, dass Helfer einem ihrer Söhne den Namen Lorenz gegeben hat, spricht für ein gewisses Maß an Bewunderung für den Bruder ihrer Mutter.

Einen makellosen Lebenslauf hat dieser Onkel, aus dem vielleicht viel mehr oder etwas ganz anderes hätte werden können, nicht: „Im Zweiten Krieg war er in Russland gewesen, zu Hause hatte er eine Frau, und dann hatte er in Russland auch eine Frau und ein Kind, die aber hat er verlassen (…). Mit meinem Vater hat er Schach gespielt. Er hasste die Idiotie des Landlebens“.

Die Souveränität dieses im besten Sinne unbekümmert und unzimperlich erzählten Romans besteht in seiner Weigerung, souverän sein zu wollen. Helfer bemüht sich erst gar nicht, Lücken zu füllen, Brüche zu glätten, alles sauber auszupinseln. Nachdem sie nicht dabei gewesen ist, kann die Autorin nicht umhin, Dinge, Dialoge und Details zu erfinden, und sie macht keinen Hehl daraus, dass die Faktenlage immer wieder auch zweifelhaft oder ungeklärt bleibt.

Als Marias Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen ist, während ihr im September 1914 eingezogener Ehemann an der Front in Italien kämpft, wird unter den Bewohnern des Dorfes geklatscht, getratscht und über die Identität des Vaters spekuliert. Zweimal war Josef kurz auf Urlaub zuhause gewesen, aber geht sich das aus? Und dann gibt es ja auch noch den Fremden, einen gewissen Georg aus Hannover, der sichtlich Gefallen an Maria gefunden und im Unterschied zu allen anderen Männern, die sich „mittelgroße Chancen“ bei der mit Abstand schönsten Frau des Tales ausrechnen, tatsächlich einen Stein im Brett zu haben scheint. Trotz der Beteuerungen des Bürgermeisters, den Josef damit beauftragt hat, auf seine Frau „aufzupassen“ (quasi: Bock zum Gärtner), dass zwischen den beiden nichts vorgefallen sei, wird Grete das ungeliebte Kind ihres Vaters bleiben.

Die Dörfler zerreißen sich das Maul; der Bürgermeister, ein Büchsenmacher, möchte auch einmal zum Schuss kommen und klagt ein, was man später einen „mercy fuck“ genannt hätte; der Pfarrer drängt Maria penetrant zur Beichte. Über das Gespräch der beiden sei, so heißt es, „viel in unserer Familie spekuliert worden“.

Anekdoten und die verschiedenen davon in Umlauf befindlichen Versionen davon gehören zum Grundbestand dieses im wahrsten Sinne des Wortes vielstimmigen Romans. „Die Bagage“ betreibt ein Stück weit Oral History und ist auch in der Idiomatik immer wieder nahe am Mündlichen und an der Mundart, ohne dass dies je peinlich oder penetrant geriete.

Wichtigste Auskunftsperson ist Tante Kathe, die im Gegensatz zu ihrer Mutter und zu ihrer Schwester ein nachgerade biblisches Alter erreicht. Als die Nichte sich bei ihr erkundigt, ob Opa Josef ganz sicher ihr leiblicher Großvater sei, meint Kathe, dass sie für eine solche Frage „eigentlich eine fangen“ müsse, um dann Auskunft zu erteilen: „Du bist hundertprozentig eine aus der Bagage“.

Die abfällige Bezeichnung wird zum trotzig, aber stolz angeeigneten Ehrentitel, und Helfer scheut sich nicht, die herzerwärmende, aber nie rührselige Geschichte ihrer Großmutter, Tante und Onkeln auch als Heldengeschichte zu erzählen. Der Jüngste der Bagage, der sechsjährige Walter, soll den Pfarrer am Talar gezogen und angeschrien haben: „Du bist ein böser Mensch! Du kommst in die Hölle!“ Und Lorenz, der Zweitälteste, unternimmt in einer bitterkalten und schneereichen Winternacht gleich fünf Raubzüge, im Zuge derer er den Keller im Haus eines Schulfreundes bis auf die letzte Speckschwarte ausräumt, um die eigene Familie vor dem Verhungern zu retten: „Meine Tante Kathe erzählte, ihr Bruder habe irgendwann einmal zu ihr gesagt, wie die Mama ihn an dem Tag damals angesehen habe, etwas Schöneres habe er in seinem ganzen Leben nicht erlebt.“

Klaus Nüchtern in Falter 9/2020 vom 28.02.2020 (S. 35)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446265622
Erscheinungsdatum 01.02.2020
Umfang 160 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
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