Löwenherz

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Monika Helfer macht aus Lebenserinnerungen Literatur. Nach „Die Bagage“ und „Vati“: der neue Roman um eine Familie aus Vorarlberg
Monika Helfer erinnert sich an ihren Bruder Richard. Seit dem Tod der Mutter wachsen sie und ihre Schwestern getrennt vom kleinen Bruder auf. Sie sehen sich selten, verlieren die Verbindung. Es ist die Zeit des Deutschen Herbstes. Richard ist da bereits ein junger Mann, von Beruf Schriftsetzer. Er ist ein Sonderling, das Leben scheint ihm wenig wichtig. Verantwortung übernimmt er nur, wenn sie ihm angetragen wird. So auch, als ihm auf merkwürdige Weise eine verflossene Liebe ein Kind überlässt, von dem er nur den Spitznamen kennt. Die unfreiwillige Vaterrolle gibt ihm neuen Halt, zumindest für eine Zeit. Ein inniges Portrait, eine Geschichte über Fürsorge, Schuldgefühle und Familienbande.

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FALTER-Rezension

Finale mit Fragezeichen

Die Autorin Monika Helfer erinnert sich zum Abschluss ihrer Familientrilogie an ihren merkwürdigen Bruder

Trilogien enden nach einem Durchhänger im Mittelteil in der Regel mit einem großen Finale. Bei Monika Helfer verhält es sich anders, aber die Vorarlberger Schriftstellerin ist auch keine Hollywood-Regisseurin. Ihre Texte sind durchwegs von kleinen Leerstellen und Fragezeichen bestimmt - und bei aller Zugewandtheit ihren Figuren und dem Leben gegenüber bisweilen sympathisch kantig.

In ihren letzten zwei Romanen, mit denen sie endlich auch am Buchmarkt reüssieren konnte, arbeitete sich Helfer durch die Geschichte ihrer Familie. Sie entwickelte dabei ihre eigene Art biografischen Erzählens. Frei nach dem Motto "Du, wie war das damals?" basiert diese neben eigenen Erinnerungen auf Gesprächen mit ihren Schwestern und ihrem Mann Michael Köhlmeier sowie auf Erzählungen anderer und wohl auch der einen oder anderen Erfindung.

Es geht Helfer nicht so sehr um die Korrektheit der Fakten als um das Finden einer eigenen, wenn man so möchte, poetischen Wahrheit, die den Figuren gerecht wird. Im ersten Roman "Die Bagage"(2020) erzählte sie von der Großmutter und ihrer Großfamilie, in "Vati" (2021) machte sie den Vater zur Hauptfigur, obwohl dieser oft schweigsam oder überhaupt abwesend war. Mit diesem Buch bewies sie Mut zur Auslassung. Sie erfand sich keinen Vater, malte sich auch keinen aus und glättete schon gar nichts. Wo im Leben, in der Erinnerung Lücken blieben, dürfen sie auch im Roman stehen.

Diese Methode nutzt die Autorin nun auch im finalen Band "Löwenherz", mit dem sie die sehr eigenwillige Gestalt ihres Bruders ins Visier nimmt. Sie macht von Anfang an keinen Hehl daraus, wie es mit dem sechs Jahre jüngeren Richard ausging. So stellt sie ihn den Leserinnen und Lesern vor: "Er sah aus wie der hübsche Bruder von Alan Wilson, dem Sänger von Canned Heat, der damals schon tot war, er hatte sich mit siebenundzwanzig das Leben genommen -Richard würde es mit dreißig tun."

In seiner Eigentümlichkeit ist Richard Helfer eine dankbare Figur. Ein Psychologe hätte sich wohl die Zähne an ihm ausgebissen. Er war kein Mann ohne Eigenschaften, sondern "ein Mann ohne Antrieb", heißt es an einer Stelle.

Dabei kümmerte er sich aufopfernd um ein kleines Mädchen, das eine Frau bei ihm ließ und nicht mehr abholte, und einen zugelaufenen Hund. Sein eigenes Leben allerdings schien ihm herzlich egal zu sein. Der Name "Löwenherz", den ihm sein Vater gab, weil er ihn gerne so gesehen hätte, passte so gar nicht zu ihm. Er arbeitete als Schriftsetzer, war eigentlich Maler, kümmerte sich jedoch nie aktiv um den Verkauf seiner Bilder.

So speziell sein Charakter, so verbunden war Helfers Bruder mit den 1970ern. Sie bilden den Romanhintergrund, wobei Helfer sich mit ein paar locker eingestreuten musikalischen Zitaten und Verweisen auf den Deutschen Herbst begnügt. Damals war es noch möglich, ohne jegliche Ambition in den Tag hineinzuleben. Als Strafe dafür gab es höchstens das Etikett "Freak", das man freilich auch als Auszeichnung verstehen konnte.

Die Erzählung vom Bruder ist untrennbar mit Monika Helfer verbunden. Weil er ihr als Baby einmal vom Tisch fiel, fühlte sie sich zeitlebens für ihn verantwortlich. Später wuchs sie mit ihren Schwestern getrennt von ihm auf, Phasen der Nähe wechselten mit solchen der Abwesenheit. Die Sorge um den Bruder blieb. Doch es war oft nicht die Zeit da, sich um ihn zu kümmern, neben den eigenen Kindern und dem Scheitern von Helfers erster Ehe.

"Löwenherz" schlägt mitunter einen neuen Ton an. Als sich eine junge Anwältin ihren kleinen Bruder schnappt, reagiert die Ich-Erzählerin grob eifersüchtig und tut der Frau unrecht. Es ist eine Stärke des Texts, dass Helfer solche Emotionen im Rückblick nicht zurücknimmt. Sie ist immer noch aufgewühlt, wenn sie über ihren seit 40 Jahren toten Bruder schreibt.

Jetzt soll mit der "Bagage" Schluss sein. Dennoch hat man nicht das Gefühl, dass Monika Helfer mit ihrer Familie ganz fertig ist.

Sebastian Fasthuber in Falter 4/2022 vom 28.01.2022 (S. 32)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446272699
Erscheinungsdatum 24.01.2022
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
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