Bad Regina
Roman

von David Schalko

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.01.2021


Rezension aus FALTER 1-2/2021

Europa schlafft sich ab

Grand Hotel de l’Europe. Das klingt nach dem Glanz vergangener Zeiten. Man hat sofort einen prunkvollen Hotelkomplex vor Augen, in dem Königsfamilien, Großindustrielle, Künstler und Stars absteigen. Und tatsächlich waren sie alle Gäste des einst real existierenden Luxushotels ebenjenen Namens in Bad Gastein – der Schah von Persien, Heinrich Mann, Ray Charles, Liza Minelli und Roger Moore.

Der Salzburger Kurort versuchte sich einst imagetechnisch als Monte Carlo der Alpen zu positionieren. Die Party ist schon lang vorbei, 1988 musste das Grand Hotel seine Pforten schließen. Neben wanderfreudigen Familien zieht Gastein heute eher ­Ruinentouristen an als die ­Reichen und Schönen. Diese verstaubte Kulisse dient dem Autor und Regisseur David Schalko als Inspiration für sein neues Erzählwerk.

Bad Regina – Schalkos Name für den Ort gibt dem Roman auch seinen Titel – ist hier jedoch nicht bloß eine touristische Dauerbaustelle, auch die Bewohner haben den Ort verlassen. Geblieben sind lediglich 46 Hartnäckige, die entweder eine extrem starke Bindung an ihre Herkunft haben oder aus purer Visionslosigkeit bleiben. Sie können sich einfach kein Leben an einem anderen Ort vorstellen.

Am Geld liegt es jedenfalls nicht, dass sie noch da sind. Denn ein mysteriöser Chinese namens Chen kauft alles, egal in welchem Zustand sich die Gebäude befinden. Und er zahlt keinesfalls schlecht. Nur komischerweise passiert im Anschluss nichts mit diesen Immobilien, sie werden stattdessen sich selbst überlassen.

Und so macht sich im Geisterort immer mehr Endzeitstimmung breit: „Wenn etwas kaputt war, dann war es kaputt. Man hatte gelernt, damit zu leben. Auch die meisten verlassenen Häuser waren inzwischen von der Natur übernommen worden. Wenn der Wasserfall nicht so laut gewesen wäre, hätte man den Wildwuchs regelrecht wuchern gehört.“

Der Roman schildert die letzten Tage von Bad Regina. Manche finden es zwar durchaus bedauerlich, dass nichts mehr los ist, und auf die Dauer wirkt die Einsamkeit auch bedrückend, schlägt sich auf die Psyche. Aber immer noch besser, als alles wäre voller Ausländer.

Am Ende läuft alles völlig aus dem Ruder und die Fremden kommen erst recht. Chinesen, Juden und Afrikaner: Alle scheinen sich gegen die abgeschlafften Einheimischen verschworen zu haben.

Hier ist Schalko natürlich in seinem Element. Die Figuren sind weder besonders subtil gezeichnet noch wirken die handelnden – oder eigentlich nur noch abwartenden – Ureinwohner überzeichnet. Der Bürgermeister etwa hat zwar als Jungspund kurzzeitig in einer Punkband gespielt, mit seinem blöden Grinser war er dort freilich damals schon fehl am Platz.

Als fremdenfeindlicher, inkompetenter, aber dafür tüchtig in die eigene Tasche wirtschaftender Ortschef hat er die Rolle seines Lebens gefunden. Blöd nur, dass seine Frau sich nur mehr für sein Geld interessiert.

Ist es eine Tragödie, ist es eine Komödie? Beides. Die Restbevölkerung Bad Reginas besteht aus Witzfiguren und traurigen Gestalten, nicht selten in Personalunion. Ein anderer ehemaliger Punk gibt den Bahnhofsvorsteher. Ein Rätsel, warum die Station Bad Regina immer noch angefahren wird, denn ein- oder gar ausgestiegen ist hier schon lang niemand mehr. Der Mann hat den einsamsten Job Europas. Dass er dennoch täglich pflichtbewusst zum Dienst erscheint, ist rührend. Oder liegt es daran, dass seine Frau ihm Hörner aufsetzt?

Und dann wäre da noch Othmar. Einst das Hirn der Band, später in seiner Kanzel hoch über den tanzenden Massen schwebender DJ-Zeremonienmeister, wurde er inzwischen, vom langjährigen Suff und der Gicht gezeichnet, selbst zur Ruine. Sein Verfall hat ihn allerdings nicht zynisch werden lassen, nur sehr müde.

Schalko dient dieser fast reine Tor, dem in seinen wenigen lichten Momenten immer wieder ein verblüffender Gedanke über die Lage der Menschheit in Bad Regina auskommt, bisweilen als Sprachrohr. So vermeidet er den Ton beflissener Dringlichkeit. Mit Reflexionen überladen hat der Autor seinen Roman nicht.

„Bad Regina“ ist keine große Abhandlung über Europa, dieses Feld überlässt Schalko lieber seinem Kollegen Robert Menasse, und auch kein Beispiel für das literarische Genre Ideenroman. Der intellektuelle Überbau ist zwar da – als Angebot für Leser, die mitarbeiten und sich eigene Gedanken machen wollen –, aber er drängt sich nur selten in den Vordergrund.

Wer einen figurenstarken, handlungssatten und obendrein sehr szenisch angelegten Pageturner sucht, wird gut bedient. „Bad Regina“ zu lesen ist eine Erfahrung, die an das Schauen der von Schalko inszenierten TV-Serien „Braunschlag“ oder „Altes Geld“ erinnert. Nach dem halben Bauchfleck mit seinem letzten Roman, „Schwere Knochen“, der einiges an Leerlauf hatte, konzentriert sich Schalko hier wieder auf seine Stärken als Satiriker. Ob der Schauspieler Robert Palfrader wohl einen guten Othmar abgeben würde?

Sebastian Fasthuber in FALTER 1-2/2021 vom 15.01.2021 (S. 35)


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