Mädchen für alles
Roman

von Charlotte Roche

€ 15,50
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Verlag: Piper
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.10.2015


Rezension aus FALTER 43/2015

Lesbische Liebesspiele und läppisches Leid

In ihrem Debüt „Feuchtgebiete“ ließ Charlotte Roche die Leser in alle Körperöffnungen schauen. In ihrem zweiten Roman „Schoßgebete“ schrieb sie sich die Trauer über ihre Familientragödie – ihre drei Brüder kamen im Juni 2001 auf dem Weg zu ihrer Hochzeit bei einem Autounfall ums Leben – und die Wut über die Berichterstattung der Bild-Zeitung von der Seele. Was beide Bücher verband, war ihre Sprachlosigkeit. Roche bemühte sich erst gar nicht darum, eine Erzählsprache zu finden, sondern behielt ihren berufsjugendlichen Moderatorinnensprech bei. Die Schnoddrigkeit, mit der sie einst als TV-Persönlichkeit unterhielt, wirkt zwischen Buchdeckeln allerdings deplatziert und dementsprechend schnell nervig.
Dieses Problem hat nun auch Roman Nummer drei, der zusätzlich noch darunter leidet, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern nichts Brennendes mehr mitzuteilen hat. Vergessen wir die Vorberichterstattung, die den Skandal des Buches darin witterte, dass Roche über eine Mutter schreibe, die Hassgefühle für ihr kleines Kind hege. Das wäre nicht weiter aufregend, geht es doch fast allen übermüdeten und überforderten Eltern mal so. In Wahrheit ist Roches Protagonistin Chrissie ihre Tochter Mila aber nur gleichgültig. Während sie im Bier- und Wodkarausch auf dem Sofa dahindämmert, muss ihr Mann Jörg, der fast pausenlos arbeitet, um das Haus mit Garten und allerlei Schnickschnack abzubezahlen, die Kinderbetreuung übernehmen. Zumindest so lang, bis man sich eines Tages ein blondes, modelmäßiges „Mädchen für alles“ ins Haus nimmt.
Zum Unterhaltsamsten gehören noch die Sexszenen – nach langem Anlauf steckt Chrissie dem jungen Ding im Zug nach München dafür gleich „direkt drei Finger bis zum Anschlag rein“. Ansonsten leidet sie: an Kater, an Flugangst, an ihrem Mann, den sie für einen Waschlappen hält; und ihre unsteten Eltern, die sich vor langer Zeit scheiden ließen, um nun wieder zu heiraten, würde sie am liebsten umbringen. Das alles zieht freilich ebenso folgenlos an der Protagonistin wie am Leser vorbei. Unnötig.

Sebastian Fasthuber in FALTER 43/2015 vom 23.10.2015 (S. 32)



Rezension aus FALTER 42/2015

#RegrettingMotherhood

Warum regen uns Bücher über verbitterte Mütter so auf? Ein Erklärungsversuch

Verrückt zu sein ist in Deutschland allemal gesellschaftsfähiger, als keine gute Mutter zu sein.“ Die deutsche Autorin Charlotte Roche, selbst Mutter, weiß, wie man gesellschaftliche Tabus literarisch vermarktet. In ihrem ersten Roman „Feuchtgebiete“ lotete sie das körperliche Ekelgefühl aus. Ihr neues Buch strickt sie um das – sehr deutsche – Dauerdebattenthema Rabenmutter.
Ihre Protagonistin entledigt sich erst ihrer lästigen Mutterpflichten, indem sie ein Kindermädchen engagiert, um sich dann aufzumachen, ihre Eltern umzubringen, die sie für ihr gescheitertes Leben verantwortlich macht.
„Mommy Horror“ nennt die Süddeutsche Zeitung dieses Genre. Neu ist es nicht, Roche hat es auch nicht erfunden. Trotzdem scheint es uns zu faszinieren, wenn sich Mütter offen und ehrlich darüber auslassen, wie sehr es sie nervt, Mütter zu sein.
Im kinderfreundlichen und emanzipierten Schweden, das immer wieder als Musterland für die Gleichberechtigung von Mann und Frau herhalten muss, stieß Maria Sveland mit ihrem Roman „Bitterfotze“ schon vor acht Jahren eine Debatte über frustrierte Mamas an. Svelands schickt ihre Hauptfigur Sara, eine gebildete, junge Karrierefrau, die nach der Geburt ihres Kindes nur noch frustriert und gestresst, eben „bitterfotzig“ ist, alleine auf Urlaub nach Teneriffa, um sich von der „Familienhölle“ zu erholen und ihr Leben zu bilanzieren.
Die österreichische Autorin Gertraud Klemm schaffte es heuer mit ihrem feministischen Gesellschaftsroman „Aberland“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Bei ihr ist es eine Franziska, ebenfalls Mitte 30, zuerst aufstrebende Biologin, dann desorientierte Hausfrau, die am Muttersein, aber in Wahrheit an der Nicht-Gleichberechtigung in einer bürgerlichen Mittelschichtsidylle scheitert.

Die israelische Soziologin Orna Donaths ließ für ihre Studie 23 Frauen zwischen 20 und 70 über ihren Mütterfrust erzählen. Die Studie, obwohl fast schon wieder ein Jahr alt, wird unter dem Hashtag #RegrettingMotherhood, in den sozialen Netzwerken bis heute hitzig debattiert. Mutterschaftsreue sei doch nur ein weißes Oberschichtproblem, lautet ein – schlüssiges – Argument. Andere, Konservativere, halten mit dem Hashtag #KeineReue dagegen und bitten Mütter, ihre Glücksmomente zu schildern.
Wer über Mutterliebe nachdenkt, sollte wissen, dass es kein angeborenes, sondern ein kulturell anerzogenes Gefühl ist. Mutterliebe, wie wir sie idealisieren, war im Mittelalter noch nicht bekannt, wurde Ende des 18. Jahrhunderts ebenso wie die bürgerliche Liebesehe entdeckt und in der Romantik überhöht.
Heute lebt es weiter – in und neben anderen Klischees wie der vernachlässigenden Rabenmutter, ein Begriff, den es bezeichnenderweise nur im Deutschen gibt, der überbesorgten Helikopter-Mum oder der „Glam-Sahm“, der „glamourösen Stay-at-Home-Mum“.

„Mommy Horror“ funktioniert im deutschsprachigen Raum besser als anderswo. „Nur in Deutschland sind die Emotionen speziell hochgegangen“, wunderte sich Donath, als ihre Studie im Mai 2015 in Europa Schlagzeilen machte.
Französinnen sind im Umgang mit ihren Kindern generell gelassener, vielleicht auch, weil es in den oberen städtischen Schichten seit dem 18. Jahrhundert üblich war, die eigenen Kinder an Ammen zur Pflege und Gouvernanten zur Erziehung zu übergeben. „Die ewig liebende Mutti, die doch gerne putzt, kocht und pflegt, noch bevor sie Mutti wird und wenn sie schon längst Omi ist, wird in Deutschland und Österreich immer noch heilig gesprochen“, sagt die Autorin Klemm dazu. „Im Zeitalter von Kapitalismus und hohen Scheidungsraten ist die Arbeitsteilung in Geld und Altruismus ein fauler Deal.“

Barbaba Tóth in FALTER 42/2015 vom 16.10.2015 (S. 54)


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