Republik ohne Würde

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Würde! Wer beruft sich nicht auf sie? Und wer braucht sie, außer als Phrase? Emporkömmlinge, Provinzpotentaten und Steuerbetrüger, die frech versuchen, mit ihren Lügen durchzukommen; käufliche Politiker und Medien, denen nicht zu trauen ist; Bankenspekulationen, die den Staat und Europa bedrohen und für die der Steuerzahler haftet. Selbst die jüngste Opposition ist diebisch: Naiv setzen die Piraten auf die Diktatur des Digitalen und pfeifen auf die Unantastbarkeit geistigen Eigentums. Politik und Wirtschaft in Österreich und der EU sehen schlecht aus. Armin Thurnher schreibt in diesem Buch über das, was unserer Gesellschaft abhandengekommen ist - Ethik und Würde.

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FALTER-Rezension

Im Land der Angefressenen

Schlechtes System, blöde Politiker, totaler Stillstand: Immer mehr Menschen sind wütend über die Zustände in Österreich. Zu Recht?

Ein Gefühl schleicht durch Österreich. Es ist schwer fassbar, blitzt aber immer wieder auf. In Fernsehbeiträgen. In Zeitungsartikeln. Abends in einer Runde beim Bier. Das Gefühl ist Wut.
Zum Beispiel im Falter, vor wenigen Wochen. Da kam das Gefühl besonders stark zum Vorschein. Vier junge Intellektuelle erzählten vor der Nationalratswahl, wie sie zu Österreich stehen und was sie sich von der Gesellschaft erwarten. Die Befunde waren verheerend: Wer sie las, wähnte sich passagenweise in einem Land am Rand des ­sozialen Zusammenbruchs. Die politische Situation sei nur noch "zum Weinen", sagte einer der Diskutanten. Die Politiker: allesamt "lächerlich". Als "pervers" bezeichnete eine Befragte das Parteiensystem. "Ich hoffe, dass meine Enkel es einmal im Fach ­Geschichte und nicht im Fach Politische Bildung lernen werden."

Mit dieser Wut stehen die jungen Intellektuellen bei weitem nicht allein da. Worte wie ihre hört man oft, vielleicht immer öfter. Eine diffuse Wut greift um sich. Eine Fundamentalkritik an Politik und Staat. Ein tiefer Pessimismus. Eine eher unbestimmte, aber heftige Sehnsucht nach Aufbruch und Erneuerung.
Wohlgemerkt, diese Geschichte handelt nicht vom wütenden Ressentiment vieler FPÖ-Wähler. Die Fremdenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien der sogenannten Modernisierungsverlierer sind eine andere Sache. Träger der Wut, um die es hier geht, ist vielmehr eine urbane, oft junge Bildungsschicht mit Abstiegsängsten. Sie fürchtet, es einmal nicht mehr so gut zu haben wie einst ihre Eltern.
Neben ihrer ständigen Klage über die blöden Politiker empört sie sich gern über das angeblich so primitive Debattenniveau in Österreich – und verweist auf die Zustände in Deutschland als leuchtendes Gegenbeispiel. Außerdem erbost sie kaum ­etwas so sehr wie die berühmten, ­halbgaren ­"österreichischen Lösungen", die dem Staat ­angeblich schaden. Stimmt das alles? Ist die Wut gerechtfertigt?
Quantifizieren oder messen lässt sich die Grundstimmung jedenfalls nur schwer. Einzig Umfragen über die Politikverdrossenheit geben Aufschluss darüber. So erhob das Meinungsforschungsinstitut OGM im Vorjahr, dass bei fast drei Vierteln der Österreicher das Vertrauen in die Politik in den vergangenen fünf Jahren zurückgegangen sei. 57 Prozent halten das derzeitige System sogar für "unreformierbar".
Ursache für den Pessimismus: der viel­zitierte "Stillstand".
Dieser allgemeine Negativbefund wirkt sich massiv auf die politische Machtverteilung im Land aus: Mit 74,91 Prozent war die Wahlbeteiligung bei der vergangenen Nationalratswahl – wiewohl im internationalen Vergleich immer noch hoch – die niedrigste seit 1945. Auch die jungen Neos verdanken ihren Wahlsieg wohl zum Großteil ihrem Ruf nach Systemerneuerung; die Hälfte ihrer Wähler nannte "Protest" als Wahlmotiv. Und jetzt, wo dem Land erneut eine große Koalition ins Haus steht, erreicht die Klage über den gefühlten Stillstand in Medien und Öffentlichkeit wieder einen neuen furiosen Höhepunkt.

Wer verstehen will, wie es in Österreich tatsächlich aussieht, der muss die Gefühls­ebene verlassen. Natürlich gibt es einen Reformstau in wichtigen Bereichen. Ärger ist gerechtfertigt, wenn es etwa um Österreichs unfaires Bildungswesen geht. Oder um undurchsichtige Verwaltungsabläufe. Um Klüngeleien, die Korruption begünstigen. Um die opportunistische, ­visionslose Europapolitik. Oder um die mangelnde Gleichstellung von Männern und Frauen.
Wenn man aber auf die Zahlen blickt, die beschreiben, wie gut es dem durchschnittlichen Österreicher geht und wie sich sein Wohlstand entwickelt – dann sieht die Sache anders aus. Diese Indikatoren sind etwa das Realeinkommen, die Arbeitslosenrate oder die Anzahl von Armutsgefährdeten, Teilzeitarbeitern und Working Poor. All diese Kennzahlen ergeben, mehr oder weniger, ein stimmiges Gesamtbild: Die Situation verschlechtert sich zwar allmählich. Aber sie ist immer noch sehr gut. Vor allem wenn man von außen auf Österreich blickt. Immerhin herrscht gerade die schwerste Wirtschaftskrise seit 1929.
Zum Beispiel das reale Einkommen ­eines durchschnittlichen unselbstständig Erwerbstätigen in Österreich. Dabei handelt es sich um rund vier Millionen Menschen. Wenn man die Inflation und ­Veränderungen am Arbeitsmarkt einberechnet, dann sank es laut Einkommensbericht des Rechnungshofs zwischen 1998 und 2011 um vier Prozent. Das ist deutlich weniger als in anderen Staaten. Dort brechen die Realeinkommen seit Ausbruch der Krise teils jedes Jahr um einige Prozentpunkte ein.
Oder die Arbeitslosenquote in Österreich. Sie hat sich seit dem Jahr 2000 nicht wesentlich verändert, trotz Krise. Derzeit beträgt sie 4,7 Prozent der Erwerbsfähigen. Das ist Platz eins in der EU. In Südeuropa liegt sie bei bis zu 27 Prozent. Selbst im boomenden Deutschland ist ein halbes Prozent mehr Menschen arbeitslos als hier.
Auch der Prozentsatz der Working Poor liegt im vielgelobten Deutschland fast doppelt so hoch wie in Österreich, seit SPD-Kanzler Gerhard Schröder vor einem Jahrzehnt mit seinem Hartz-IV-Programm ­rigorose Arbeitsmarktreformen ­durchsetzte. Hierzulande gelten laut Sozialministerium und Statistik Austria rund vier Prozent der Menschen als trotz ihrer Erwerbstätigkeit arm – das ist drittbester Wert in Europa. Auch wuchs die Zahl der armutsgefährdeten Österreicher in den Krisenjahren nicht, sondern ging leicht zurück. Und was Teilzeitarbeit und Prekariat betrifft, hält ein ­Bericht der Statistik Austria fest: "Es kann in Österreich von keiner eindeutigen strukturellen Verschiebung in Richtung Atypisierung gesprochen werden."
Was sagen all diese Zahlen? Natürlich veranlassen sie nicht zu Optimismus. Der normale Österreicher – einer, der mit einer unselbstständigen Beschäftigung ein durchschnittliches Einkommen von 24.843 Euro brutto im Jahr hat – scheint den Zenit seines Wohlstands überschritten zu haben. Auch hierzulande entkommt man nicht einem mächtigen internationalen Trend, den die kanadische Journalistin Chrystia Freeland als die "neue Gründerzeit" bezeichnet: der massiven Macht- und Kapitalumverteilung von Staaten hin zu einer übernationalen, global tätigen Elite. Allerdings – und das ist entscheidend: Bislang hält Österreich bemerkenswert gut dagegen.

Hierzulande wächst die Anzahl der Armen nicht – im restlichen Europa hingegen stieg laut Rotem Kreuz seit 2009 die ­Anzahl ­jener, die auf Nahrungsmittelspenden angewiesen sind, um drei Viertel. ­Hierzulande gibt es keine Massenentlassungen; kaum etwas an Infrastruktur verfällt; der soziale Frieden bleibt gewahrt. Für all das sorgten politische Unterfangen wie Kurzarbeit, staatliche Investitionen gegen die Krise oder breite Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit, etwa Ausbildungsgarantien. Freilich: Dass solche Aktionen überhaupt möglich waren, liegt weniger an der Brillanz der heimischen Regierungen – sondern am strukturellen Umfeld.
Im Gegensatz zu Ländern wie Spanien oder Griechenland hat Österreich noch Spielraum zum Investieren, ja generell zum politischen Handeln. Die enge Verflechtung mit Deutschland stimuliert die Wirtschaft. Für Stabilität sorgen zudem die Sozialpartnerschaft und ein starker betrieblicher ­Mittelstand, der nicht auf jede Zuckung der Märkte mit Panik reagiert. All das führt dazu, dass die Österreicher die Wirtschaftskrise im Alltag bislang kaum spüren. In Rankings und internationalen Medien wie Foreign Policy gilt das Land deshalb als Vorbild. Österreich – das ist das Land, in dem es die Krise nicht gibt.
Fazit: Trotz berechtigter Zukunftssorge, trotz legitimen Nachdenkens über Reformen ist erbitterte Fundamentalkritik am heimischen System nicht angebracht. Hemmungsloses Schimpfen über den totalen Stillstand und dumme Politiker? Nein, so schlecht waren Österreich und seine politische Kaste bislang wahrlich nicht.

Im Gegenteil, vielleicht hat die heimische ­Reformunwilligkeit sogar ein wenig dazu beigetragen, dass die Lage heute besser ist als anderswo. Denn all jene Staaten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten massive Reformen verordneten – die also genau das taten, was so viele Österreicher herbeisehnen –, sind heute mit bestenfalls durchwachsenen Resultaten konfrontiert. Meistens gingen die Veränderungen auf Kosten der Mittelschicht und des breiten Wohlstands. Das zeigt sich etwa, so unterschiedlich die einzelnen Reformen auch waren, an Gerhard Schröders Deutschland, an Margaret Thatchers Großbritannien, an den USA unter Reagan und Clinton oder an den Staaten Südeuropas, denen Troika und EU Sparmaßnahmen aufzwingen. Hierzulande hingegen wurde keine Eisenbahn privatisiert und wurden keine Langzeitarbeitslosen mit Minijobs abgespeist. Die vielgeschmähten, halbgaren "österreichischen Lösungen" – vielleicht sind sie ja besser als ihr Ruf.
Bleibt zuletzt eine Frage: Wenn die Situ­ation in Österreich besser ist als angenommen – woher kommt dann die pessimistische Grundstimmung? Nun, hier gibt es zwei mögliche Antworten: eine österreichische und eine europäische.
Die österreichische hat mit der spezi­fi­schen Geschichte dieses Landes seit Kriegsende 1945 zu tun. Über drei Jahrzehnte lang lebte das offizielle Österreich danach mit der Illusion, mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit nichts zu tun zu ­haben. Man richtete es sich in einem spießigen Biedermeier ein – bis in den 1980er-Jahren das Stillschweigeabkommen aufbrach. Rund um die Waldheim-­Affäre entspann sich eine bissige Debatte, in der die Identität des Landes auseinandergenom­men wurde. Es war, wenn man so will, eine Art Selbsttherapie. Lügen verloren ihre Maske. Die Selbstbeschimpfung wurde zur Königsdisziplin im Kulturbetrieb. Thomas Bernhard porträtierte die degenerierten österreichischen Provinzler; E­lfriede Jelinek ­beschrieb die seelischen Abgründe der ­Wiener Bürger; die sogenannte Anti-Heimat-Literatur gilt bis heute als nationales Spezifikum. Seitdem redet auch manch kritischer Intellektuelle gern wie Bernhard und Jelinek. Allerdings: Inzwischen hat sich der Diskurs von seinem Ursprung, der Entlarvung von Lebenslügen, entkoppelt. Aus­gerechnet das, was einst der Gesellschaft aus dem Sumpf heraushalf, hat sich heute verselbstständigt und ist zur zwecklosen Gewohnheit geworden.

Und die europäische Antwort? Die hängt mit der Krise zusammen. In dieser wird der ­Österreicher wohl mehr zum Europäer. Er hat Ängste und Sorgen der anderen Bevölkerungen übernommen. In deren sozialen Verwerfungen sieht er seine eigene Zukunft. Am Horizont merkt er bedrohlich den Wandel herannahen. Und die Schuld an all dem gibt er dann denen, die immer schon für ­alles verantwortlich waren: den wohlbekannten, nationalstaatlichen Politikern.

Josef Gepp in Falter 42/2013 vom 18.10.2013 (S. 10)


Sie wissen nicht, wann genug ist

Der rote Parteisekretär wurde Lobbyist im Porsche. Der Ex-Innenminister begrüßt mit "Uuaamrgh". Ali Morali verstummt, wenn er mich sieht: "Republik ohne Würde". Ein Vorabdruck

Es war im März 2000
Der Fiaker begegnete mir zweimal. Beim ersten Mal steckten wir beide in einem Stau. Ich fuhr gegen die Einbahn, er rief mir lachend zu: "Da kann ja nix weitergehen, wenn der Falter am Fahrrad daherkommt!"
Ein Fiaker, der Falter liest. Ich staunte.
Wenige Minuten später begegneten wir uns noch einmal.
"Wos sogts zum ...?" Er verwendete ein volkstümliches Wort, das den neuen Kanzler charakterisierte, hier aber nicht zum Abdruck kommen soll.
"A Skandal, oder?"
"Ja. Aber es wird funktionieren."
"Des is jo der Wahnsinn!" Schon war er außer Hörweite. Da wusste ich, es wird ein herbes Jahrzehnt.

Frühsommer 2004,
vor dem Moulin Rouge
Ein ehemaliger Politikersekretär, jetzt politischer Berater, Lobbyist und Spindoctor, veranstaltete eine Diskussion zum Thema Korruption. Mich hatte er gegen ein gutes Honorar als Diskussionsleiter verpflichtet. Wir Journalisten sollten so etwas nicht tun, tun es aber aus Geldgier doch und reden uns ein, wir täten es, um die Reichweite unseres Mediums zu erhöhen, womit wir genau genommen unseren eigenen Marktwert meinen. Wie auch immer, nicht der Vorgang war unsittlich, nur das Thema.
Lobbyisten. Als der Veranstalter noch Sekretär in seinem schäbigen SPÖ-Büro gewesen war, immer freundlich, stets kommunikativ, insofern zeichnete sich das Spätere vielleicht schon ab, hatte er eher unmondäne Pullover getragen. Jetzt fuhr er Porsche und hatte Zeit für Kultur. Merke: Die kommunikative Intelligenz des Landes sammelt sich nicht mehr in publizistischen Medien, sondern in der PR. Seit 2011 überwiegt die Zahl der unöffentlichen Öffentlichkeitsarbeiter jene der öffentlichen, die Wirtschaft gibt mehr Geld für Öffentlichkeitsarbeit aus als für Werbung in Medien.
Warum fiel mir der berühmte Kollege (und mittlerweile Partner) des Lobbyisten ein? Wenn der mich in dienstlicher Angelegenheit anrief, also für einen potenten Auftraggeber, teilte er mir am Telefon vorweg mit, was er jetzt gleich sagen werde, sage er mir rein privat, als mein Freund, er gebe mir sozusagen einen guten Rat, sein Auftraggeber wisse nämlich gar nichts von diesem Anruf. Lobbyisten!
Fast hätte ich ihn übersehen. Er stand beim Eingang, ein wenig zur Seite gedrückt, nicht gerade wie ein bezahlter Grüßer, aber auch nicht wie ein geladener Gast. Der soeben zurückgetretene Innenminister Ernst Strasser. Ich hatte während seiner Amtszeit stets harte Kritik an ihm geübt, wahrscheinlich nicht hart genug, sage ich im Rückblick, denn bei allem bemühte ich mich stets um Fairness. Steht's im Falter oder stimmt's?, kommentierte er einmal, von einer Zeitung darauf angesprochen, einen unserer Berichte. Er stimmte. Auch war mir das Ausmaß seines Interesses am Thema Korruption damals nicht klar, ich sah es noch als quasi dienstliches, subjektives eines Beinahe-noch-Innenministers, nicht als objektives im Sinne des Objekts der Strafverfolgung.
Grüß Gott, Herr Minister, sagte ich, einem Impuls meiner Manieren folgend, und nickte ihm geschäftsmäßig zu. Strassers Miene verfinsterte sich, er schob sein Kinn, ja seinen ganzen Schädel vor, mir entgegen, stierte mich böse an und sagte nichts. Nur ein dumpfer Laut entquoll seiner verkrampften, gequälten Figur, etwas wie Uuaamrgh. Ich übersetzte es für mich mit "Wenn ich keine Person öffentlichen Interesses wäre, würde ich dir jetzt mit einem Baseballschläger deine freche Fresse einschlagen", ging an ihm vorüber und machte mich an meine Moderation.

Auf Verdacht
März 2013, Wien, erster Bezirk, Marc-Aurel-Straße, in der Nähe meiner Redaktion. Ich erkannte ihn sofort. Graf Ali Mensdorff-Pouilly stand auf dem Gehsteig und unterhielt sich mit einem jüngeren Mann. Er sieht größer aus als auf Fotos, die ihn oft etwas pummelig und rotbackig erscheinen lassen. Eine recht elegante Gestalt, ein Junker im Hirschhornjanker mit welligem Haar, Geheimratsecken, distinguierter Brille, um sich virtuelle Labradore, auf der Schulter die virtuelle Flinte – man kennt sie von Bildern, ahnt sie, aber sieht sie nicht. Man ist ja in der Stadt. Eine unverfängliche Szene. Noch ehe ich mich bis auf Hörweite nähern konnte, hörten beide auf zu sprechen. Sie nahmen ihr Gespräch erst wieder auf, als ich mich wieder außer Hörweite befand. Ich glaube nicht, dass sie mich erkannt hatten und deswegen schwiegen. Sie sahen nur einen Passanten, und was sie zu besprechen hatten, war nicht für jedermanns Ohren geeignet. Man ist in Österreich Teil der Misstrauensgesellschaft, wenn man sich auf die Straße traut.

Kleinmannssucht
"Diese kleine Liste ist das Ergebnis einer kleinen Debatte auf meiner Seite auf Facebook …" Gnädig sei der Name des Autörchens verschwiegen. Unübersehbar wird die Feier des Unprätentiösen, Kleinen, sich unauffällig Gebenden. Man möchte bei keinem großen Gedanken erwischt werden, genaugenommen möchte man bei keinem Gedanken erwischt werden. Nein, man möchte einfach überhaupt nicht erwischt werden. Wisch und weg. Die Kleinmänner sind so besorgt, dass man ihre Vorzüge nicht anerkennt, dass sie sich am liebsten überhaupt nicht erwähnen würden, hätten sie nicht Angst, man würde sie dann übersehen. Das wollen sie auch wieder nicht. Gar nicht. Eigentlich wollen sie, dass man nur sie sieht, vor allem sie, und lobt, man muss den Kleinmann bei allem loben, sonst verliert er die Motivation, gleich lässt er das Köpfchen hängen.
Der Kleinmann will in der Öffentlichkeit dominieren, indem er sich unscheinbar macht. Er muss sich gegen jeden Angriff immunisieren, schiere Sichtbarkeit macht angreifbar. Nein, sie weisen nicht auf sich hin, die intellektuellen Little People, oder nur dezent, angenehm unprätentiös, erfreulich unauffällig, alles an ihnen ist nett, kommod schmalspurig, nur ja nicht großspurig oder irgendwie formatsprengend. Die kleinen Leute machen alles richtig, sie hassen alles, was unangenehm prätentiös und unerfreulich auffällig erscheint. Dabei übersehen sie, dass nicht nur das Prätentiöse unangenehm ist, sondern dass gar nichts entsteht, was nicht prätendiert wird zu entstehen.
Die Welt ist voller Ego-Ekel, das ist wahr. Aber die ekelhaftesten von ihnen tun so, als seien sie keine Ekel, weil sie ja nur ganz klitzekleine Ekel sind, angenehm unprätentiöse Ekel, deren Missetaten einen noch durch ihre Kleinheit für das sie begehende Ekelchen einnehmen. In Würdebegriffen gesprochen: Sie beanspruchen weder Achtung noch Respekt, weil er ihnen ohnehin schon allein aus dem Grund zufällt, dass sie ihn nicht beanspruchen. Nur die Lumpe sind bescheiden, selten habe ich Goethe besser verstanden, bei dem das Wort von angenehm unprätentiösen Zeitgenossen selten vorkommt.
Mach mich größer, sagt die Kleinmannssucht. Sie ist die wahre Großmannssucht, insgeheim von der eigenen Größe überzeugt, stets besorgt, einen kleinen Rückschlag zu kassieren, wenn andere von dieser Überzeugung Wind bekommen. Political Correctness funktioniert übrigens nach ähnlichen Motiven. Je kleiner, desto korrekter.

Zu groß?
Jede Skepsis gegenüber angemaßter Größe ist verständlich. Politik, die ihre Motive verbirgt und sich kleiner gibt, als sie ist, mag schlau handeln und ihre Verhandlungsziele schützen. Aber sie verliert ihr Ansehen. Charles de Gaulle habe mittels Staatsschauspielerei das Ansehen Frankreichs nach 1945 über Gebühr erhöht, heißt es. Aber er hat sein Land tatsächlich größer gemacht. Politik ohne öffentliches Handeln hat einen anderen Namen. Man nennt es Wirtschaft. Haben es "die Märkte" geschafft, dass Politik sich nicht mehr offen artikuliert, weil alles, was sie sagt, nicht als politisches, sondern als ökonomisches Signal interpretiert wird? Wann wird Politik bemerken, dass sie ohne Rekonstruktion von Öffentlichkeit nicht existieren, weil sie nichts Politisches mehr tun und sagen kann?

Entrée
Mittlerweile versucht jeder kasachische Anwaltsanwärter, durch die Einrichtung des Büros sich seinen Kunden gegenüber stilmäßig zu profilieren. Im österreichischen Ministerium prüft ein in Ehren ergrauter Sicherheitsbeamter müde den Ausweis, ein gramgebeugter Portier knurrt einen an, man solle gefälligst warten. Wenn's gutgeht. Hat man Pech, nimmt einem ein übelgelaunter, schlecht rasierter und sichtlich unterbezahlter Kerl in der billigen Uniform eines Personaldienstleisters den Ausweis ab. Wobei er beteuert, dies sei nicht sein Einfall, sondern eine Weisung von ganz oben. Auch hier klingt jene Verachtung für die da oben an, die beinahe die ganze Republik von unten nach oben und von oben nach unten durchzieht.
Über all dem wachen imperiale, von Reinhold Schneider besungene Skulpturen von Adlern. Drinnen trösten einen barockes Mobiliar und imposante Ölgemälde. Der Stil bessert sich nach oben zu. Beim Tor des Bundeskanzleramts hat man es doch mit wirklichen Beamten zu tun, und beim Bundespräsidenten atmet man auf, wenn man die Zimmerfluchten des Leopoldinischen Trakts durchschreitet. Nur, wie oft kommt man schon dorthin?

Republikstil nach Regierungsparteien
Stilfragen kann man auch parteipolitisch betrachten. Die ÖVP zum Beispiel hat einen Hang zur technoiden Überausstattung. Sie liebt eine Art modernistischen Barock, überausgestattete Säle zeitgenössischer Bauten, in denen man das Gefühl hat, der Architekt habe dreimal so viel metallene Säulen und Streben eingefügt, als es die Statik erfordert hätte. Sie protzt gern in Métallisé, es können nicht genug Scheinwerfer sein, Sicherheitsglas spiegelt sich in sich selbst, als Fensterfront, Balustrade, Tischplatte. Vielleicht soll diese ostentative Kühle den Triumphalismus abfedern, den sich diese Partei nach amerikanischem Muster gern gönnt. Die SPÖ zieht wärmere Temperaturen vor. Hier muss es menscheln. Den gläsernen Tisch seines Vorgängers schaffte Kurzzeitkanzler Alfred Gusenbauer sofort aus seinem Kabinett; er wollte Holzmöbel für – erraten – mehr Wärme. Es ging noch molliger: Gusenbauers Nachfolger Werner Faymann war der Holztisch von zu noblem Design und auch zu teuer. Er brachte einen Schreibtisch der Firma Bene mit, das befreundete Blatt Österreich teilte mit, was er gekostet hat: 600 Euro. Diese Mitteilung war heiß und noch weniger luxuriös als Faymanns Schreibtisch. Wenn auch etwas teurer.

Schlechte Typografie
Sie wissen nicht, wann es genug ist. Alles muss überbeschriftet werden. Die Werber haben Angst, man könnte die Botschaft übersehen. Aber die Botschaft tötet sich selbst durch Hässlichkeit. Man sieht zu viel von ihr. Man sieht nichts mehr, weil man nur noch sie sieht. Die Hässlichkeit der meisten Zeitungen, die Gemeinheit des Flughafens (nur Bahnhöfe gönnen den Augen eine Erholung). Die Hinweisschilder plump, die Geschäftsschilder ohne Eleganz, die Reklame schrill, selbst Verkehrszeichen haben ein Problem. Fahren Sie Auto in der Schweiz, setzen Sie sich auf eine italienische Piazza, und Sie wissen, was ich meine. Die talmiartigen Protzgeschäfte der Innenstadt, international gleichförmig, Koffer, Uhren, Unterwäsche, auf ihre stinkreiche Weise beschämend billig, gedacht für russische Oligarchen und arabische Haremsdamen. Vor den Geschäften stehen Männer in dunklen Anzügen mit Glatzen, Sonnenbrillen und Ausbuchtungen am Jackett. Auch sie beschriften die Innenstadt. Ihre Präsenz ist eine Beleidigung der öffentlichen Ordnung, die nicht in Gefahr war, bis sie von privaten Ordnungskräften unterwandert wurde. Sie wehrt sich aber auch nicht gegen deren aufdringliche Anwesenheit.

Armin Thurnher in Falter 29/2013 vom 19.07.2013 (S. 16)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552056039
Erscheinungsdatum 29.07.2013
Umfang 304 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Format Taschenbuch
Verlag Zsolnay, Paul
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