Die Liebe kommt immer zu spät

Drei Reisen
144 Seiten, Hardcover
€ 24,70
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ISBN 9783552076181
Erscheinungsdatum 17.02.2026
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Verlag Zsolnay, Paul
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HerstellerangabenAnzeigen
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
Vilshofener Straße 10 | DE-81679 München
info@hanser.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Mit dem vielseitigen Kartografen Karl-Markus Gauß auf Reisen zu den Rändern Europas. »Dieser Autor zählt zu den herausragendsten unserer Gegenwart.« Katja Gasser

Karl-Markus Gauß, der literarische Kartograf der europäischen Ränder, ist wieder auf Reisen gegangen. In Bosnien sucht er nach den Spuren einer multikulturellen Welt und findet sie bei seinem verstorbenen Freund Dževad Karahasan. In Slowenien folgt er den Lebenswegen zweier tapferer Frauen, einer legendären Anwältin, die sich die Freiheit nahm, bald als Frau, bald als Mann zu leben, und einer kleinwüchsigen Schriftstellerin, deren Bücher auf der ganzen Welt gelesen wurden und die in der Stadt, die sie jetzt feiert, völlig verarmt gestorben ist. Und warum das obersteirische Bruck an der Mur und Beloiannisz in der ungarischen Puszta eigentlich auf dem Peloponnes liegen und Österreich auch eine griechische Geschichte hat, ist aus der dritten Reiseerzählung zu erfahren.

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ISBN 9783552076181
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FALTER-Rezension

Die Bilder entstehen im Gehen

Stefanie Panzenböck in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 13)

Karl Markus-Gauß geht erneut auf Spurensuche, in Slowenien, in Bosnien und Herzegowina – und in Krems. Von dort aus gelangt er nach Ungarn und Griechenland. Gauß, der sich eingehend mit nationalen Minderheiten beschäftigt und vor allem Mittel- und Südosteuropa bereist hat, ist mit „Die Liebe kommt immer zu spät“ ein besonders zärtliches und poetisches Buch geglückt.

Der pessimistische Titel verbindet drei Erzählungen, deren Protagonistinnen und Protagonisten in ihrer jeweiligen Zeit außergewöhnlich geliebt und gelebt haben. Sei es die slowenische Bestsellerautorin Alma M. Karlin (1889–1950), die, obwohl sie körperlich behindert war, allein auf Weltreise ging und später mit einer Frau zusammenlebte; sei es die ebenfalls aus Slowenien stammende Ljuba Prenner (1906–1977), eine non-binäre Person, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, trat Prenner in der Öffentlichkeit als Mann auf und bezeichnete sich selbst „als einen Menschen, der weder Frau noch Mann“ sei.

Die dritte Erzählung handelt vom griechischen Widerstandskämpfer Gerasimos Garnelis (1921–1999), der am Ende des Zweiten Weltkriegs ein Massaker in Krems/Stein überlebte. Doch trotz des dort durchgestandenen Grauens blieb er bis zu seinem Tod in der niederösterreichischen Stadt, „in der ihm niemand mehr nach dem Leben trachtete, aber auch keiner fragte, wie es ihm ergangen war“.

Das Herzstück des Buches schildert eine Reise des Autors durch Bosnien und Herzegowina. Sein Freund und Schriftstellerkollege Dževad Karahasan, den Gauß in Sarajevo treffen wollte, lag zu diesem Zeitpunkt in einem Grazer Krankenhaus. Die Nachricht über den Tod „der Stimme Bosniens“, die ihn in der Nähe der nordbosnischen Stadt Brčko erreichte, erschütterte nicht nur ihn, sondern das ganze Land. Karahasan hatte der Welt von den Gräueln des Krieges der Jahre 1992 bis 1995 in seiner Heimat berichtet, aber auch von der Schönheit Bosniens und Herzegowinas, vor allem der Hauptstadt Sarajevo.

Mit 144 Seiten ist das Buch ausgesprochen schlank geraten. Gauß findet dennoch hinreichend Platz, um die Lebenswege von Alma M. Karlin, Ljuba Prenner und Gerasimos Garnelis abzugehen. Unterwegs trifft er dabei auf Personen, die die Genannten gekannt oder über sie geforscht haben, und verankert die Biografien im jeweiligen historischen Kontext. Auf knappem Raum gelingt es ihm, ein erstaunlich detailreiches Bild dieser drei Menschen zu zeichnen.

Gauß erzählt von ihren Kämpfen und findet Widersprüche, ohne diese krampfhaft erklären zu wollen. Eindrücklich gerät seine Analyse von Karlins Werk. Obwohl die Schriftstellerin „eine der großen Reisenden ihrer Zeit“ war, bleibe es, so Gauß, „rätselhaft, warum sie überhaupt auf Reisen gegangen ist“.

Die Anstrengungen waren beträchtlich; aus ihren Berichten spricht vor allem die Qual. Außerdem habe Karlin „Menschen nach einem Konzept der ,Rasse‘“ beurteilt und sich selbst als Europäerin überlegen gefühlt. Wobei sie Frauen gegenüber weniger vorurteilsbeladen war.

„Die Männer jedoch hielt sie ganz allgemein für eine Bedrohung, welche diese für die alleinreisende Frau ja oft auch tatsächlich waren.“ Karlins posthum erschienene Autobiografie gelte heute denn auch als „exemplarisches Bekenntniswerk einer Feministin, die sich vorgegebenen Rollen verweigert hat und wider alle Widrigkeiten ihren eigenen Weg gegangen ist.“

Die Leitfigur des Buches aber bleibt bis zum Schluss Dževad Karahasan. „Die Liebe kommt immer zu spät, und erst in der Erinnerung wissen wir, was wir verloren haben“, fasst Gauß dessen Lebensthema zusammen. „Auf meine Frage, ob sich der Untergang, nein, die Zerstörung seiner Stadt hätte vermeiden lassen, hat er einmal geantwortet: ,Wir alle hätten sie mehr lieben müssen.‘“

Wie die Liebe kommt auch diese Erkenntnis zu spät.

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Über den Autor

Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, ist langjähriger Herausgeber und Autor der Zeitschrift "Literatur und Kritik". Außerdem ist Gauß als Journalist in diversen Zeitungen tätig. Für seine Essays und Reisereportagen erhielt der Schriftsteller unter anderen den Manès-Sperber-Preis, den Georg-Dehio-Buchpreis und den Mitteleuropa-Preis. Zuletzt erschienen "Im Wald der Metropolen", "Die unaufhörliche Wanderung", "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer", "Zwanzig Lewa oder tot" und "Der Alltag der Welt". Karl-Markus Gauß lebt in Salzburg.

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