
Die Bilder entstehen im Gehen
Stefanie Panzenböck in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 13)
Karl Markus-Gauß geht erneut auf Spurensuche, in Slowenien, in Bosnien und Herzegowina – und in Krems. Von dort aus gelangt er nach Ungarn und Griechenland. Gauß, der sich eingehend mit nationalen Minderheiten beschäftigt und vor allem Mittel- und Südosteuropa bereist hat, ist mit „Die Liebe kommt immer zu spät“ ein besonders zärtliches und poetisches Buch geglückt.
Der pessimistische Titel verbindet drei Erzählungen, deren Protagonistinnen und Protagonisten in ihrer jeweiligen Zeit außergewöhnlich geliebt und gelebt haben. Sei es die slowenische Bestsellerautorin Alma M. Karlin (1889–1950), die, obwohl sie körperlich behindert war, allein auf Weltreise ging und später mit einer Frau zusammenlebte; sei es die ebenfalls aus Slowenien stammende Ljuba Prenner (1906–1977), eine non-binäre Person, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, trat Prenner in der Öffentlichkeit als Mann auf und bezeichnete sich selbst „als einen Menschen, der weder Frau noch Mann“ sei.
Die dritte Erzählung handelt vom griechischen Widerstandskämpfer Gerasimos Garnelis (1921–1999), der am Ende des Zweiten Weltkriegs ein Massaker in Krems/Stein überlebte. Doch trotz des dort durchgestandenen Grauens blieb er bis zu seinem Tod in der niederösterreichischen Stadt, „in der ihm niemand mehr nach dem Leben trachtete, aber auch keiner fragte, wie es ihm ergangen war“.
Das Herzstück des Buches schildert eine Reise des Autors durch Bosnien und Herzegowina. Sein Freund und Schriftstellerkollege Dževad Karahasan, den Gauß in Sarajevo treffen wollte, lag zu diesem Zeitpunkt in einem Grazer Krankenhaus. Die Nachricht über den Tod „der Stimme Bosniens“, die ihn in der Nähe der nordbosnischen Stadt Brčko erreichte, erschütterte nicht nur ihn, sondern das ganze Land. Karahasan hatte der Welt von den Gräueln des Krieges der Jahre 1992 bis 1995 in seiner Heimat berichtet, aber auch von der Schönheit Bosniens und Herzegowinas, vor allem der Hauptstadt Sarajevo.
Mit 144 Seiten ist das Buch ausgesprochen schlank geraten. Gauß findet dennoch hinreichend Platz, um die Lebenswege von Alma M. Karlin, Ljuba Prenner und Gerasimos Garnelis abzugehen. Unterwegs trifft er dabei auf Personen, die die Genannten gekannt oder über sie geforscht haben, und verankert die Biografien im jeweiligen historischen Kontext. Auf knappem Raum gelingt es ihm, ein erstaunlich detailreiches Bild dieser drei Menschen zu zeichnen.
Gauß erzählt von ihren Kämpfen und findet Widersprüche, ohne diese krampfhaft erklären zu wollen. Eindrücklich gerät seine Analyse von Karlins Werk. Obwohl die Schriftstellerin „eine der großen Reisenden ihrer Zeit“ war, bleibe es, so Gauß, „rätselhaft, warum sie überhaupt auf Reisen gegangen ist“.
Die Anstrengungen waren beträchtlich; aus ihren Berichten spricht vor allem die Qual. Außerdem habe Karlin „Menschen nach einem Konzept der ,Rasse‘“ beurteilt und sich selbst als Europäerin überlegen gefühlt. Wobei sie Frauen gegenüber weniger vorurteilsbeladen war.
„Die Männer jedoch hielt sie ganz allgemein für eine Bedrohung, welche diese für die alleinreisende Frau ja oft auch tatsächlich waren.“ Karlins posthum erschienene Autobiografie gelte heute denn auch als „exemplarisches Bekenntniswerk einer Feministin, die sich vorgegebenen Rollen verweigert hat und wider alle Widrigkeiten ihren eigenen Weg gegangen ist.“
Die Leitfigur des Buches aber bleibt bis zum Schluss Dževad Karahasan. „Die Liebe kommt immer zu spät, und erst in der Erinnerung wissen wir, was wir verloren haben“, fasst Gauß dessen Lebensthema zusammen. „Auf meine Frage, ob sich der Untergang, nein, die Zerstörung seiner Stadt hätte vermeiden lassen, hat er einmal geantwortet: ,Wir alle hätten sie mehr lieben müssen.‘“
Wie die Liebe kommt auch diese Erkenntnis zu spät.






















