Ein eigenes Zimmer
Essay

von Virginia Woolf, Klaus Reichert

€ 12,40
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Übersetzung: Heidi Zerning
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.11.2001


Rezension aus FALTER 40/2016

„Ermächtigt euch der Welt durch eure Intelligenz!“

Die Oberflächenphysikerin Ulrike Diebold über die Beziehung zur Privatwirtschaft, mühsame Stunden im Labor und warum „unnütze“ Forschung oft die besten Ergebnisse bringe

Ulrike Diebold kennt nur ein Tempo: volle Kraft voraus. Mit großen Schritten eilt sie durch die Gänge der Technischen Universität, erklärt, lacht. Und das alles gleichzeitig. Erst im Labor, wo gerade zwei Studenten Ergebnisse auswerten, atmet sie durch. „Ein schönes Gerät, nicht wahr?“, sagt Diebold und zeigt auf das silberne Rastertunnelmikroskop in der Mitte des Zimmers, das einem Raumschiff aus Kindertagen gleicht. Das hochmoderne Messinstrument hat sie vom Preisgeld des Wittgenstein-Preises gekauft.

Falter: Frau Professor Diebold, Sie sind Physikerin und Trägerin des Wittgenstein-Preises, der bedeutendsten wissenschaftlichen Auszeichnung Österreichs. Besonders hervorgehoben wird immer, dass sie das als Frau geschafft haben. Wurmt Sie die Rolle als Vorzeigenaturwissenschaftlerin der Nation?
Ulrike Diebold: Ich lebe damit. Es wäre mir lieber, wenn es selbstverständlicher wäre und nicht extra herausgestrichen werden müsste. Weil wir aber leider noch nicht so weit sind, übernehme ich diese Rolle. Dass ich Frau und Wissenschaftlerin bin, daran kann ich ja nichts ändern.

Wenn Sie sich Ihre Studentenschaft anschauen und diese mit Ihrer eigenen Studienzeit vergleichen. Hat sich die Geschlechterverteilung in der Physik verändert?
Diebold: Es hat sich gebessert, ja. Als ich studiert habe, waren rund fünf Prozent der Studenten weiblich. Heute sind es immerhin 20. Doch wenn Sie in der Hierarchie weiter nach oben schauen, werden Sie wenige Frauen finden. Das ist nicht nur in der Wissenschaft so. Die gläserne Decke existiert! Im deutschsprachigen Raum erscheint es mir besonders drastisch, was auch mit der landläufigen Meinung zu tun hat, dass Kleinkinder zu Hause von der Mutter betreut werden müssen. In den USA ist das ganz anders.

Die USA kennen auch keine bezahlte Karenz.
Diebold: Das stimmt. Die Frauen müssen arbeiten. Aber in puncto Gleichheit auf Führungsebene wirkt sich das positiv aus – nicht zuletzt, weil es sehr gute Betreuungseinrichtungen gibt. Da herrscht auch eine andere Denkweise. Meine amerikanischen Freundinnen haben ihre Kinder ab dem Alter von sechs Monaten in die Betreuung gegeben, selbst wenn sie Hausfrauen waren. Sie taten das, um dem Vorwurf zu entgehen, die Kinder nicht bestmöglich zu fördern. Die Einstellung, dass Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren zu Hause bleiben müssen, gibt es in Amerika nicht. Im Gegenteil: Dort herrscht die Ansicht, dass frühkindliche Förderung institutionalisiert sein muss. Das macht dann einen Unterschied in den Frauenkarrieren, weil die Brüche wegfallen, die durch Halbtagsanstellungen entstehen und die man als Frau schwer wieder aufholt. Das hat mit der Physik oder mit der Wissenschaft nichts zu tun, sondern ist gesamtgesellschaftlich zu sehen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihre Karriere in dieser Form in Österreich nicht machen hätten können ...
Diebold: Ja. Und einer der Gründe ist sicherlich die Frage nach der Kinderbetreuung. Ein weiterer Grund ist, dass man als Frau anders gesehen wird. In Österreich muss man als Frau immer beweisen, dass man für die Position, die man innehat, eh kompetent genug ist. In den USA nehmen die Menschen grundsätzlich an, dass man ohne entsprechende Kompetenzen die jeweilige Position nicht bekommen hätte. Es macht einen Unterschied, wenn ich immer bergauf laufen muss. Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen: In jungen Jahren in den USA, als gerade berufene Professorin mit Anfang 30, stand ich im leeren Labor und ein Handwerker, ein großgewachsener Mann im Blaumann, kam, um den Strom zu kontrollieren. Als ich mich ihm als Professor Diebold und Ansprechperson vorstellte, meinte er: „I guess they come in all sizes and shapes.“ Ich habe sichtlich seiner Vorstellung eines Physikprofessors nicht entsprochen, er hat mich trotzdem sofort akzeptiert. 

Wissenschaftler, auch männliche, schwärmen oft von den Arbeitsbedingungen in den USA. Ist das Forscherleben dort wirklich einfacher?
Diebold: Ja und nein. Geld zu lukrieren ist nicht einfacher, aber es wird vorausgesetzt, weil praktisch die gesamte Forschung in den USA über Drittmittel – vor allem von der Regierung – finanziert wird. Die amerikanischen Universitäten beziehen Geld aus drei Standbeinen: den Studiengebühren, philanthropischen Spenden und aus der Finanzierung von Forschern, dem sogenannten Overhead. Es ist für die Universitäten also ganz wichtig, gute Forscher zu haben, weil es für sie konkret Geld bedeutet. Für jeden Dollar, den ich als Professorin über Drittmittel einwerbe, erhält die Uni 50 Cent. 

Bessere Forschung bedeutet also mehr Mittel?
Diebold: Genau. Gute Forschung setzt sich direkt in Geld um, wird im Universitätsbudget sichtbar. In Österreich bekommt eine Uni ein Budget und an dem ändert sich wenig. Außerdem geht es in den USA unbürokratischer zu. Wenn ich in den USA ein Gerät haben wollte, dann habe ich es gekauft, hier muss ich erst durch eine langwierige Ausschreibung. 

Sie mussten einen Preis gewinnen, um ein modernes Rastertunnelmikroskop erwerben zu können.
Diebold: Eben. Und gerade in der Physik hängen die Forschungsergebnisse mit modernen Geräten zusammen. Aber manche Sachen sind in Österreich viel einfacher. Ich weiß beispielsweise die Werkstätten hier sehr zu schätzen. Das schaut in Amerika anders aus, solche Werkstätten mit hochspezialisierten Maschinisten und Feinmechanikern haben sie selten, oder man muss sie teuer bezahlen. Hier an der TU sind sie für uns praktisch kostenfrei. Dasselbe gilt für das sehr gut gewartete Computersystem. Eine solche Infrastruktur finden Sie auch auf den besten amerikanischen Unis nicht. Zudem sind die Studenten, die kommen und forschen, in Österreich wirklich sehr gut. Das liegt auch daran, dass sich die forschungsgeleitete Lehre bei uns in der Physik wirklich von Anfang an durchzieht, das fängt bei der Bachelorarbeit an. Die Leute müssen also nicht erst ein paar Jahre studieren, bis sie das erste Mal im Labor stehen. Wir arbeiten hier durchgehend mit hervorragenden Studenten und Studentinnen. Und von der Qualität dieser Leute hängt schlussendlich auch die Forschung ab. Auch meine. Denn persönlich sitze ich nicht mehr im Labor und messe zehnmal die Probe.  

Das heißt, dass den Abgängern der TU tolle Karrieren als Wissenschaftler bevorstehen?
Diebold: Ja. Aber nicht nur. Die Forschung ist sehr wichtig und schön. Wenn wir erklären können, wie ein Wassermolekül auf der Oberfläche sitzt, dann haben wir die Natur besser verstanden. Aber: Ein Doktorand oder eine Doktorandin hat drei Jahre daran gearbeitet. Was er oder sie in den drei Jahren lernt, kann man sonst nicht rüberbringen. Die Doktoranden haben gelernt, die Literatur zu durchforsten, das Gerät zu warten, mit Firmen zu reden, weil man ein Ersatzteil braucht, sie haben gelernt, auf Englisch ein Paper zu verfassen und die Forschungsergebnisse auf internationalen Konferenzen zu präsentieren. Diese projekt-
orientierte Ausbildung, die Mitarbeit an Forschungsprojekten, schult absolute Spitzenkräfte. Man sagt, der Zweck heilige die Mittel. Hier heiligen die Mittel den Zweck, mit der Garantie, dass man am Ende gute Leute hat. Ich „produziere“ jedes Jahr zwei bis drei fantastisch ausgebildete Doktoranden, die dann durchaus auch in die Wirtschaft einsteigen. In der Forschung bleibt nur ein kleiner Prozentsatz.

Die Forschungsquote liegt in Österreich – gemessen an der Wirtschaftsleistung – höher als in den USA, drei Prozent auf 2,8 des BIP. Trotzdem gilt Amerika als Heimat der Innovation. Warum?
Diebold: Naja. Es geht darum, was ich unter wissenschaftlicher Forschung verstehe. Wenn ich die Budgets des Wissenschaftsfonds FWF (Fonds zur Förderung der ­wissenschaftlichen Forschung) und des amerikanischen Pendants NSF (National Science Foundation) vergleiche, dann ist es hundert zu eins. Wenn man sich darüber hinaus anschaut, was wirklich in die Grundlagenforschung fließt, sieht man, dass es in ­Österreich sehr wenig ist. Auf der anderen Seite wird in Österreich für anwendungsorientierte, industrienahe Forschung sehr viel Geld ausgegeben. Man will also ernten, aber nicht säen! Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kann nachvollziehen, dass Österreich als ein kleines Land mit Exportwirtschaft Innovation braucht, und man kann da ruhig auch die Firmen einspannen. Aber man ­fördert dann eine spezielle Art der ­Forschung, man fördert die ­Arbeit an Fragestellungen, die auf ein Unternehmen zugeschnitten sind. Wenn wir aber untersuchen, wie sich Wasser auf Oberflächen verhält, ist dies allgemeingültig. Das ist der Unterschied. Das wird in Österreich nicht honoriert.

Rund die Hälfte der Forschungsgelder von rund zehn Milliarden Euro kommt in Österreich tatsächlich aus dem Unternehmenssektor, rund ein Drittel sind öffentliche Gelder. Inwieweit kann man da um des Forschens willen Wissenschaft betreiben? Auch Ihre Forschungsergebnisse in der Oberflächenphysik werden in der Automobil- und Halbleiterindustrie eingesetzt.
Diebold: Ich bin in der glücklichen Lage, dass sich 90 Prozent meiner Forschungsprojekte mit der Grundlagenforschung beschäftigen, also neue Erkenntnisse erzielen. Das geht deshalb, weil mich eben der genannte FWF ebenso fördert wie das ERC (European Research Council), der Wissenschaftsfonds der EU sozusagen. Das ist sehr schön. Wir machen also Grundlagenforschung und als Nebenprodukt kommen oft Dinge heraus, die für die Industrie relevant sind. Aber es wird auch für relativ freie Wissenschaftlerinnen wie mich immer enger. Leider wird oft vergessen, dass die wirklich neuen Sachen, die wirklichen Durchbrüche über die Grundlagenforschung kommen. Denken Sie an den britischen Mathematiker Godfrey Harold Hardy, der einst stolz behauptete, noch nie in seinem Leben etwas Nützliches gemacht zu haben. Heute basieren alle Verschlüsselungen auf seinen Algorithmen. 

Bundeskanzler Christian Kern nimmt gerne das iPhone in die Hand, um aufzuzeigen, dass die meisten der eingebauten Technologien auf staatlich geförderter Forschung basieren. 
Diebold: Alles. Und nicht nur beim iPhone. Ein Beispiel: Einer meiner ehemaligen Mitarbeiter ging zu Intel und war maßgeblich an der Entwicklung eines neuen Oberflächenmaterials für die immer kleiner werdenden Chips verantwortlich. Das hat er mit dem Wissen und Know-how gemacht, das er sich durch seine Forschung in der Oberflächenphysik erworben hat.

Kern beruft sich auf die amerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato, die forscht, wie Innovation entsteht. Sie sagt, dass der Staat anfangs großzügig als eine Art Risikokapitalgeber Grundlagenforschung finanzieren soll, weil er als Einziger das Risiko des Scheiterns auf sich nehmen kann. Ohne öffentliche Gelder hätte etwa das Internet die Forschungsstätten des amerikanischen Verteidigungsministeriums wohl nie verlassen, da niemand bei einem solch unberechenbaren Projekt eingestiegen wäre. Geld aus der Wirtschaft kommt demnach erst, wenn ein Projekt einen gewissen Reifegrad entwickelt hat, wenn man das Risiko kalkulieren kann.
Diebold: Das ist auch so. Auch deshalb wird in den USA eben mehr in die Grundlagenforschung investiert. Die Unternehmen arbeiten zudem dann nur am Anfang mit den Wissenschaftlern zusammen. Sobald es in Richtung Patent geht, werden die Türen geschlossen. Es steckt ja unglaublich viel Geld dahinter, wenn man beispielsweise die nächste Art von Chip entwickelt. Um mehr private Forschungsmittel für die Grundlagenforschung zu gewinnen, könnte man die Unternehmen auch steuerlich entlasten. Man sieht am Beispiel Dänemarks, wie das funktioniert. Dort zahlen private Unternehmen wie die Carlsberg Brauerei Millionen für die Grundlagenforschung in einen Fonds ein, weil sich das steuerlich günstig für sie auswirkt, sprich weil sie die Mittel abschreiben können. Ähnlich läuft es in den USA. Wenn ein Unternehmen also Geld für die Wissenschaft bereitstellt, kann das durchaus idealistische Gründe haben. Ein weiterer Grund könnte aber im Steuerrecht bestehen. Wenn ich da an all die Stiftungen in Österreich denke ...

Man müsste den philanthropischen Gedanken also ein bisschen lenken.
Diebold: Richtig. Die genannten Beispiele beweisen, wie das geht. 

Frau Diebold, wenn Sie nicht forschen, halten Sie weiterhin Vorlesungen im Rahmen des Pflichtstudiums. Haben sich die Studenten verändert und was erwarten Sie von ihnen?
Diebold: Momentan halte ich Pflichtvorlesungen auf Master-Niveau. Ich finde, dass jeder Professor auch lehren sollte. Das hält einen auf Trab. Die Studenten sind heute selbstbewusst, sie wissen, wo sie hinwollen. Durch den Ausleseprozess hier an der Uni sind sie auch sehr selbstständig. Und sie sprechen viel besser Englisch als seinerzeit. Von meinen Studenten, vor allem von denen im Labor, erwarte ich mir hauptsächlich Motivation, Einsatz und Freude am Fach. Es ist immer schön zu sehen, wie die Leute im Labor aufblühen. Manche kommen ganz schüchtern am Anfang und dann geht ihnen die Flamme auf. Das war bei mir auch so. Die Arbeit im Labor verändert dich. Es geht auch darum, dass man sich hinsetzt. Etwas tut. Und tut. Und wieder tut, wenn es nicht funktioniert. Die wichtigste Grundeigenschaft des Wissenschaftlers ist eine hohe Frustrationstoleranz.

Der Wissenschaftler als eine Art Sisyphus mit positivem Ausgang?
Diebold: Ja. Alle reden davon, wie toll die Forschung ist, und das unterschreibe ich auch sofort. Vor kurzem beispielsweise bin ich so aufgeregt nach Hause gekommen, dass mein Sohn mich fragte, was um Himmels willen denn passiert sei. Einer meiner Mitarbeiter hatte an diesem Tag etwas gemessen, das noch nie jemand zuvor beschrieben hat. Wir verstehen noch überhaupt nichts davon, aber die Freude war riesig. In dieser Nacht habe ich kaum geschlafen. Es gibt wenige solche Momente. Oft funktioniert es eben nicht. Dem Erfolg stehen viele, viele mühsame Stunden im Labor gegenüber.

Sie haben einmal gesagt, dass die Natur auf atomarer Ebene sehr schön sei. Wo ist sie es denn in der sichtbaren Welt?
Diebold: Na überall, oder? Das Leben ist etwas Schönes. Etwas Erstaunliches. Der Mensch ist die beste Maschine und es ist unglaublich, wie toll er funktioniert. Da hält das beste Rastertunnelmikroskop der Welt nicht mit. 

Bleibt der Mensch das letzte auch für den Wissenschaftler unlösbare Rätsel?
Diebold: Möglicherweise. Mir ist er jedenfalls zu kompliziert. Da kenne ich mich nicht aus. Ich beschäftige mich lieber mit einfachen Dingen, mit logischen wie der Physik.

Was darf in der Forschung nie vergessen werden? 
Diebold: Es ist natürlich wichtig, dass wir alle ein Auto fahren können und ein Smartphone haben, aber ich muss auch um des Wissens willen forschen, ich muss Forschung als Kulturgut verstehen. Unsere westliche Gesellschaft beruht darauf, dass sich Leute irgendwann hingesetzt haben und auf allen Ebenen versucht haben, rational zu verstehen, was eigentlich ist. In der Geisteswissenschaft, Geschichte, Sozialkunde, Botanik, Physik, Mathematik. Das macht uns aus und die westliche Kultur so erfolgreich. Dieses Kulturgut gilt es zu schützen. Wenn ich in der Physik Grundlagenforschung mache und dann die Industrie anruft, ist das schön. Genauso schön ist es aber, dass im vergangenen Jahr die Kollegin Claudia Rapp von der Byzantinistik den Wittgenstein-Preis gewonnen hat. Es geht darum, den Menschen die Freiheit zu lassen, sich für das zu interessieren, was ihnen Spaß macht.

Es geht also darum, die Welt mithilfe meiner Intelligenz zu erfassen und erfahrbar zu machen. 
Diebold: Genau. Durch meine Intelligenz und nicht durch Dogmatik oder Religion.

Eva Konzett in FALTER 40/2016 vom 07.10.2016 (S. 44)



Rezension aus FALTER 50/2014

Zehn Bücher, die man kennen muss – von Geld und Sex bis zur Reproduktion

In einer Debatte, die so emotional und kontroversiell geführt wird wie jene über die Geschlechter, meinte Virginia Woolf (1882–1941) schon 1928, könne niemand die Wahrheit für sich beanspruchen. Deswegen hält sie ihren Essay, der aus zwei Vorträgen hervorging, bewusst subjektiv. Auf die Suche nach der Frauenfrage begibt sie sich in Bibliotheken – und findet dort, dass Frauen das von Männern "am häufigsten abgehandelte Tier des Universums sind". Zumindest hier kann im Vergleich zu heute ein deutlicher Fortschritt verbucht werden. Was Woolf für am wichtigsten hält, besitzen allerdings immer noch nicht alle: eigenes Geld und ein eigenes Zimmer. Sie hatte zwar offiziell die Aufgabe, über Frauen und Literatur zu referieren, trotzdem ist aus ihrer mit feiner Klinge geschriebenen Polemik einer der Grundlagentexte der feministischen Literatur geworden, der sich empathisch in das Frauenleben früherer Jahrhunderte einfühlt, um zu erkunden, warum es immer noch so wenige Autorinnen, Wissenschaftlerinnen und Unternehmerinnen von Weltrang gibt. Eine Pflichtlektüre.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 57)



Rezension aus FALTER 10/2012

Vom Schreiben am Küchentisch

Wie viele gelehrte Bücher schon über Frauen geschrieben wurden! Virginia Woolfs Erzählerin staunt. Die Autoren: meist "Männer, die keine Qualifikation haben, außer dass sie keine Frauen sind". Der Deutungshoheit der Männer setzte Woolf 1929 ihren auf zwei Vorträgen zum Thema "Frauen und Fiktion" beruhenden Essay "A Room of One's Own" entgegen. Darin erzählt sie die Geschichte der Frauen in der Literatur nach, sinniert über das Leben einer fiktiven talentierten Schwester Shakespeares und versucht zu ergründen, unter welchen Bedingungen es mehr weibliche Autorinnen geben könnte: finanzielle Unabhängigkeit, mehr Wertschätzung und das titelgebende Zimmer, in dem Frauen dem turbulenten Alltag mit Haushalt und Kindern zeitweise entgehen könnten. Seit Erscheinen des Essays haben 79 Menschen den Literaturnobelpreis bekommen. Neun davon waren Frauen.

Ruth Eisenreich in FALTER 10/2012 vom 09.03.2012 (S. 19)


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