Wie können wir über Opfer reden?

von Kirstin Breitenfellner

€ 15,30
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Verlag: Passagen
Format: Taschenbuch
Genre: Philosophie/20., 21. Jahrhundert
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2018


Rezension aus FALTER 13/2019

Vom Scheiterhaufen zum Shitstorm

Silicon Valley entdeckt den französischen Denker René Girard (1923–2015) neu. Seine Gedanken zu Neid, Nachahmung und Gewalt erklären auch die fragilen Beziehungen in der vernetzten Welt

Neid ist diejenige Todsünde, die am wenigsten Spaß macht. Häufig verbirgt sie sich hinter Ressentiments oder wirft sich das Deckmäntelchen der Kritik über. Je demokratischer eine Gesellschaft wird, umso häufiger fragen die Menschen: Was hat der, was ich nicht habe? Der soziale Wettbewerb frisst das Wir-Gefühl auf, das uns miteinander verbindet.

Auch im Internet nagt der Narzissmus der kleinen Unterschiede und der damit einhergehenden Kränkungen am Miteinander. Plattformen wie Facebook oder Twitter leben von Neid und Eitelkeit, vom Gefühl, zu wenige Likes zu haben. In dieser unheilvollen Gemengelage entsteht das, was der französische Denker René Girard (1923–2015) noch in analoger Zeit als die Jagd auf den Sündenbock bezeichnete. Der reale Scheiterhaufen verwandelt sich in das Fegefeuer des Shitstorms.

So lässt sich erklären, warum das Silicon Valley, das Zentrum der digitalen Revolution, einen Denker für sich entdeckt, der zu Lebzeiten ein Außenseiter des Philosophiebetriebs war. Zwar lehrte Girard in Stanford, der renommierten, dem Silicon Valley benachbarten Universität, französische Sprache, Literatur und Kultur, doch die Öffentlichkeit nahm nicht groß Notiz davon.

Erst jetzt, vier Jahre nach seinem Tod, fallen seine Ideen auf fruchtbaren Boden. Die Zeitschrift New York Review of Books bezeichnete ihn im vergangenen Dezember als einen der letzten intellektuellen Titanen des 20. Jahrhunderts, als einen, der die Synthese von Geschichte, Soziologie, Psychologie und Ästhetik gewagt hatte.

Girards Kollege, der in Stanford lehrende Literaturtheoretiker Hans Ulrich Gumbrecht, nannte ihn kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung den „Autor der Stunde“, was auch mit einem prominenten Girard-Schüler zusammenhängt. Peter Thiel, Mitgründer des Onlinebezahldienstes Paypal und Unterstützer von Donald Trump, studierte bei dem Anthropologen und Religionstheoretiker. Thiel hält derzeit in Stanford Vorlesungen über Girard, die von den Studierenden überrannt werden. Und die unlängst erschienene erste Girard-Biografie wird im Silicon Valley gefeiert. Cynthia L. Haven liefert mit „Evolution of Desire: A Life of René Girard“ eine kluge Zusammenschau von Lebensgeschichte, Werk und Rezeption.

Girard wurde 1923 im südfranzösischen Avignon geboren und erhielt 1947 seine erste Lehrverpflichtung in den USA, wo er seine gesamte akademische Karriere verbrachte. Die meisten seiner Bücher erschienen zunächst in Frankreich, wo er zeitlebens stärker rezipiert wurde als in den Vereinigten Staaten. 2005 wurde er Mitglied der Académie française, der ehrwürdigen Pariser Gelehrtengesellschaft.



Girard war ein „Igel“. So nennt der politische Philosoph Isaiah Berlin (1909–1997) in Anlehnung an den griechischen Dichter Archilochos Denker, deren Theorie auf einer einzigen großen Idee beruht. Im Falle von Girard hieß diese Schlüsselidee Nachahmung, griechisch mimesis. Dieser Begriff führte ihn von der Literaturwissenschaft über die Anthropologie bis zur Religionstheorie. Bei der Interpretation klassischer Romane, von Stendhal über Dostojewski bis Proust, entdeckte Girard die Krux zwischenmenschlicher Beziehungen: Man will, was jemand anderes hat oder ebenfalls haben will. Wir begehren nicht direkt, sondern das Begehren des anderen. So kommt der Kreislauf von Nachahmung und Neid in Gang.

Daraus entstehen notwendigerweise Konflikte, die die Geschichte der Menschheit bestimmen und in den Mythen der unterschiedlichsten Kulturen ihren Niederschlag fanden. Aus ihnen extrahierte Girard den „mimetischen Zyklus“ der Eskalation und Eindämmung von Gewalt mittels eines zufällig ausgewählten Sündenbocks. Mythen erzählen nach Girard von einer realen, nicht erfundenen Opferung.

Die mimetische Theorie ist nicht nur eine Theorie kollektiver Gewalt, sondern auch eine Kultur- und Religionstheorie. Sie erklärt die Entstehung archaischer Riten aus dem Versuch der Eindämmung von Konflikten. Zwischen Menschen gibt es laut Girard keine natürlichen Hierarchien. Da aber das Begehren nach dem Begehren des anderen grundsätzlich unstillbar sei, komme es unweigerlich zu Auseinandersetzungen. In frühmenschlichen Gemeinschaften, so lautet Girards Vermutung, stürzte man sich bei Konflikten auf ein zufälliges Opfer. Dieser Sündenbock wurde in einem Akt kollektiver Gewalt ermordet – und von den Tätern natürlich für schuldig gehalten.



Da die Täter sich über dem gemeinsamen Opfer vereinten, brachte dieser Urmord den Frieden. Und veränderte gleichzeitig den Blick der Täter, die in ihrem Sündenbock im Nachhinein einen göttlichen Friedensbringer zu erkennen glaubten. Der so gewonnene Zusammenhalt war naturgemäß nicht von Dauer. Bei neuerlichen Konflikten erinnerte man sich an die versöhnende Wirkung des ersten Opfers und versuchte dieses mit einem stellvertretenden Opfer zu wiederholen. Girard bezeichnet diese Wiederholung des Urmordes als Geburtsstunde des Ritus und damit der Kultur. Archaische Religionen seien ein auf Frieden ausgerichtetes System, das diesen aber nur durch die Gewalt gegen Sündenböcke und nur temporär erreiche.

Zum Sündenbock konnte und kann jeder werden, aber historisch gesehen waren das zumeist Menschen am unteren oder oberen sozialen Rand: Frauen, Kinder, Fremde, Behinderte – oder Herrscher. Besonders hässliche oder besonders schöne Menschen.

Nachdem Girard seine Theorie anhand der Mythen entwickelt und in seinem Buch „Das Heilige und die Gewalt“ von 1972 dargelegt hatte, entdeckte er etwas für ihn selbst Überraschendes. Die Opferung eines Sündenbocks war auch Thema der jüdisch-christlichen Texte, beginnend mit dem Alten Testament, etwa der Geschichte von Josef, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wird, bis zur Kreuzigung Jesu im Neuen Testament.

Girard las die Passionsgeschichte anthropologisch, mit der „mimetischen Brille“ – und entdeckte darin einen aufklärerischen Akt. Denn im Gegensatz zu den Mythen, die das Opfer für schuldig erklären, besteht das Neue Testament auf seiner Unschuld. Seine Erzähler identifizieren sich nicht mehr mit dem Täter, sondern mit dem Opfer. Diese Entdeckung führte privat zur Konversion des Atheisten Girard – und trug sicher zur Verzögerung seiner Rezeption bei. Im religionskritischen 20. Jahrhundert wollte sich niemand mit einem Theoretiker beschäftigen, der die katholische Messe besuchte und das Christentum als Teil der Aufklärung verteidigte. Obwohl Girards Lesart keinen Glauben voraussetzt, da Religion hier als ein Geschäft unter Menschen verstanden wird, fand sie Anschluss an Kreise der katholischen Theologie, allen voran der Universität Innsbruck. Der Tiroler Theologe Wolfgang Palaver schrieb eine der ersten Monografien und übersetzte Texte ins Deutsche.

Die christliche Gewaltgeschichte – von den Kreuzzügen über die Hexenverbrennungen bis zum Antisemitismus – versteht Girard als ein Selbstmissverständnis des Christentums. In seinen Augen handelt es sich dabei um einen Rückfall in sakrifizielle Praktiken, die auch in der Kulturgeschichte zahlreiche Spuren hinterlassen haben. Das Landesmuseum Zürich widmet der Geschichte der Sündenböcke derzeit eine Ausstellung und bezieht sich dabei explizit auf die Ideen von Girard (siehe Kasten).

Girard saß nicht nur fachlich zwischen allen Stühlen, sondern auch politisch. Er ließ sich weder links noch rechts einordnen. Ein aufgeklärter Apokalyptiker, der gregorianische Choräle liebte und vor Atomkrieg und Klimakatastrophe warnte, passte in kein Schema. Darauf weist etwa die Publikationsgeschichte seines letzten Buches „Im Angesicht der Apokalypse“ über die Rivalität Deutschland–Frankreich hin. Es war mehrere Saisonen im Katalog des Suhrkamp-Verlags angekündigt, bevor es dann 2014 endlich bei Matthes & Seitz erschien. Vielleicht erschien das Manuskript dem Verlag nicht links genug.

Wegen seiner entscheidenden Wendung, Opfer in den Mythen als real anzusehen und nicht als erfunden, wird Girard manchmal mit dem Archäologen Heinrich Schliemann (1822–1890) verglichen. Der deutsche Forscher war zunächst dafür verlacht worden, dass er das mythische Troja mit der Schaufel suchen wollte. Und hatte Recht behalten.

Vor dem Hintergrund eskalierender Gewalt durch Krieg und Terrorismus begann man, Girard ebenfalls ernst zu nehmen. Bei ihm findet sich eine Erklärung dafür, wie Rivalitäten ohne den Schutz des Sakralen ausgetragen werden. Girards Schriften eröffnen auch ein Verständnis dafür, warum sich gerade in vermeintlich friedlichen Gesellschaften so viel Hass aufstaut. Der Sündenbock taucht aus finsterer Vorzeit auf. Und hat immer noch systemerhaltende Kraft.

Sündenbockprozesse finden statt, wenn Prominente bei Skandalen in den Medien gejagt werden. Castingshows beruhen auf dem Prinzip, dass am Ende einer Sendung alle bleiben dürfen und nur einer gehen muss. Vom Sündenbock spricht man, wenn Politiker, obwohl sie noch nicht lange im Amt sind, für sämtliche Missstände eines Landes verantwortlich gemacht werden. Bei Skandalen in Unternehmen oder Parteien muss einer gehen, damit die anderen oft so weitermachen können wie bisher.

Sündenböcke werden auch gesucht, wenn von weniger Privilegierten „die Eliten“ als Ursache der sozialen Ungleichheit gesehen werden oder sich Ressentiments gegen muslimische Flüchtlinge richten. Sogar bei Naturkatastrophen wird heute nach Schuldigen gefahndet.

Mit seiner skeptischen Weltsicht relativiert Girard auch den Fortschrittsglauben, der in den Institutionen von Familie, Schule, Staat und Kirche die Ursache allen Übels auszumachen glaubt. Aus der Überzeugung heraus, dass die friedliche Gesellschaft auf einem fragilen Konsens beruht und Institutionen wie etwa die Justiz dazu beitragen, das Gewaltpotenzial einzuhegen, lehnt er die Idee eines harmonischen Naturzustands ab. Girard betrachtete die Moderne als Entwicklung hin zur Humanität. Aber der Preis der Aufklärung besteht für ihn darin, dass Opfer keine versöhnende Kraft mehr besitzen. Diese „Sündenbockkrise“ bringt stets neue Attentäter hervor, islamistische und rechtsradikale oder auch Amokläufe mit persönlichen Motiven. Die Menschen sterben sinnlos, ohne dass ihr Tod eine befriedende, die Gewalt einhegende Funktion hätte.

Opfer stehen im Zentrum unserer Mediengesellschaft, sie werden zunehmend gehört und ihre Rechte gestärkt. Das ist gut so. Doch auch in unserer Gesellschaft gibt es immer noch Verfolgung, diesmal – durchaus paradox – im Namen der Opfer. So berufen sich etwa islamistische Gewalttäter bei ihren Aktionen auf die Unterdrückung der Muslime durch den Westen. Die Identifikation mit Opfern ermöglicht es, selbst zum Täter zu werden. Das erleben in geringerem Maße auch jene, die sich einem Shitstorm anschließen und einen vermeintlichen Übeltäter – als Sündenbock – an den Pranger stellen.

Angesichts dieser Epidemie von Sündenböcken stellt sich die Frage: Wie kann man ihre Ausbreitung verhindern? Am ehesten wohl, indem man sie bei den Hörnern packt. So wie in der Vorzeit bleibt das Opfern von Sündenböcken ein unbewusster Akt kollektiver Gewalt. Er funktioniert nur, wenn alle mitmachen und niemand sich über sein eigenes Tun bewusst ist. Deswegen scheint es geboten, sich über den Umgang mit Opfern und Tätern Klarheit zu verschaffen. Nur wer sich seiner eigenen Sündenböcke bewusst wird, vermag die unselige Spirale von Opferrolle und Ressentiment zu durchbrechen.

Der kalifornische Hype um einen der originellsten und gleichzeitig unbekanntesten Denker des 20. Jahrhunderts beruht allerdings auf einem Missverständnis. Denn die Netzwerkutopisten erwarten naturgemäß von seinem Werk Erklärungen dafür, wie der menschliche Wunsch nach Prestige und der Bewertungsrausch von like und dislike befeuert werden kann. Aber Girard liefert keine Verhaltens- oder gar Geschäftsanleitung. Er warnte eindringlich vor dem Gewaltpotenzial, das seit jeher in Neid und Ressentiment schlummert.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 13/2019 vom 29.03.2019 (S. 28)


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