Maria malt

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Niemand ahnt, was in der schweigsamen, störrischen Maria schlummert, der die Mutter, um sie zu beschäftigen, Papier und Bleistift gibt. Als Erwachsene studiert sie an der Wiener Akademie, wird nach ihrer Rückkehr nach Kärnten zum Provinzstar und geht eine Liebesbeziehung mit einem um zehn Jahre jüngeren Schüler ein, Arnulf Rainer. Die beiden inspirieren sich in der fruchtbaren Nachkriegszeit gegenseitig, werden aber auch zu Konkurrenten. Klagenfurt wird rasch zu klein, sie gehen nach Wien. Arnulf spielt besserauf der Klaviatur des Kunstmarkts, Künstlerinnen bringt die Männergesellschaft wenig Wertschätzung entgegen. Aber Maria malt. Maria kämpft. Sie geht nach Paris, nach New York. Mit beinahe achtzig zieht sie in ihrem Atelier, hinter dem Zoo Schönbrunn, Bilanz. Was sie nicht weiß: Ihre eigentliche Karriere als Künstlerin liegt noch vor ihr.Ein großer Roman über eine große Künstlerin: Maria Lassnig, eine der wichtigsten österreichischen Malerinnen, in einer wahrhaftigen Biografie.

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FALTER-Rezension

Mutterseelenallein vor der Leinwand

Sie haben Ihren Apfelstrudel noch nicht gegessen", sagt die Malerin im Interview zu ihrem Gast. Fast 30 Jahre lang kredenzte Maria Lassnig dem Kurator Hans Ulrich Obrist die selbstgebackene Mehlspeise. Das Jausenritual rundete die Besuche des Schweizer Ausstellungsmachers ab, bei denen Obrist regelmäßig versuchte, die Künstlerin für Projekte zu gewinnen.
Lassnig als Strudelbäckerin? Vielleicht gar noch mit Schürze? Schwer vorzustellen, aber es gibt so vieles, das über Österreichs berühmteste Malerin unbekannt ist, etwa ihr Faible für junge Männer.

Unter dem Titel "Die Feder ist die Schwester des Pinsels" veröffentlichte Obrist im Jahr 2000 Auszüge aus Lassnigs Tagebüchern und posthum 2019 ihre Briefe an den Kurator. Nun ist ein Interviewband erschienen. Dabei erlaubte die Kärntnerin dem 50 Jahre jüngeren Freund nur höchst selten, die gemeinsamen Gespräche aufzunehmen. Die Situation als "Ausgefragte" war ihr suspekt.

"Der Fragende weiß ja nicht, welche Fragen mir im Moment fraglich sind", moniert Lassnig in einem der fünf Interviews, die dank Obrists Hartnäckigkeit erhalten geblieben sind. Nur selten werden die Dialoge persönlich; Künstlerlegenden sind hier keine zu finden. Dafür erheben nun ein neuer Film und eine Romanbiografie die Spätzünderin -der große Erfolg kam erst mit Ende 80 -zur Kultfigur.

Seit dem Tod der Künstlerin 2014 fördert die Maria Lassnig Stiftung die Auseinandersetzung mit ihrem Werk und Leben. Neben Obrists Buch, das finanziell unterstützt wurde, erhielt das 2023 in die Kino kommende Biopic "Maria Lassnig -Der Film" von Anja Salomonowitz fachliche Schützenhilfe. Die Hauptrolle spielt Burgtheater-Star Birgit Minichmayr, und das in sämtlichen Lebensstadien, von der Kindheit bis ins hohe Alter.

Salomonowitz fand es besonders interessant, dass Lassnig so alterslos erschien, als junges Mädchen schon weise und als alte Frau jung geblieben. Eine Hassliebe verband die Malerin mit ihrer Mutter, die im Film von Johanna Orsini verkörpert wird.

"Es fällt mir schwer, meine Mutter zu beschreiben. Das Verhältnis zu ihr war so emotional behaftet, dass man Literatur daraus machen müsste", sagt Lassnig in einem der Gespräche mit Obrist. Die Autorin Kirstin Breitenfellner, die den Interviewband bearbeitet hat, nahm Lassnig beim Wort.

Für ihren aufwendig recherchierten Roman "Maria malt" hat die Falter-Buchredakteurin den Briefwechsel zwischen Mutter und Tochter studiert. Die schwierige Beziehung der beiden Frauen bildet den Fluchtpunkt ihres Buchs, das die Künstlerpersönlichkeit und ihr Ringen um Anerkennung plastisch darstellt. Wie schon ihre Großmutter und ihre Mutter war Lassnig ein uneheliches Kind. Bis zum Volksschulalter lebte "Riedi" am Bauernhof ihrer Oma, dann holte ihre Mutter das Mädchen nach Klagenfurt.

Die Kindheitsepisoden, die Ankunft im Bäckerhaus ihres namensgebenden Stiefvaters und die Entdeckung ihres Zeichentalents zählen zu den eindringlichsten Passagen des Romans. Während sich Franziska Lettners Biografie von 2017 auf Lassnigs Schaffen konzentriert, geht "Maria malt" stärker auf deren Beziehungen und Innenwelt ein.

Dabei habe sie weniger Szenen erfunden, als das Material zum Leben erweckt, sagt die Autorin. Stilistisch griff sie die Sprechweise der Künstlerin auf, die auf Fragen stets lapidare, einfache Antworten gab, aber in ihren Schriften durchaus poetisch wurde. Besonders dicht wird dieser verbale Duktus im Buchfinale, in dem die alte Frau in der Ich-Form Bilanz zieht.

Neben den Interviews, Tagebüchern und Briefen bilden die autobiografischen Elemente in Lassnigs Malerei eine Quelle für den Roman. Zum Beispiel das Bild "Selbstporträt mit Stab", in dem sich die Künstlerin 1971 vor einem gezeichneten Bildnis ihrer Mutter darstellt (siehe Bild).

Der Stab durchbohrt ihre Brust und die 1964 an Krebs verstorbene Mathilde Lassnig legt ihrem "Buzzale" - wie Lassnig sich selbst in den Briefen nannte -die Hände auf die Schultern. Eine Geste aus dem Jenseits, bei der die Tote als Schutzfigur ebenso wie als "Aufhockerin und Druckgeist" (Breitenfellner) erscheint. "Riedi" sollte heiraten, eine gute Partie machen, so der größte Wunsch ihrer Mutter. Sie schickte Lassnig zeitlebens Geld und Fresspakete und kümmerte sich um die praktischen Angelegenheiten ihrer weltfremden Tochter.

"Maria malt" legt den Fokus weniger auf die NS-Zeit, in der Lassnig als Volksschullehrerin arbeitete und dann studierte, als auf die 1950erund 60er-Jahre. In den amourösen Verwicklungen jener Jahre mit Künstlerkollegen wie Arnulf Rainer, Oswald Wiener und Padhi Frieberger lernte Lassnig auch allerhand für ihre Kunst.

Die Einsamkeit der Herzensbrecherin zwischen Kärnten, Wien, Paris und New York, ihre unerfüllte Sehnsucht nach Erfolg im männlich dominierten Kunstbetrieb steht ihrer kompromisslosen Weigerung gegenüber, sich für ihre Karriere anzubiedern.

Lassnigs Geiz und ihr tiefes Misstrauen spart das Buch nicht aus. Es zeigt aber auch, dass Hyperempfindlichkeit und Starrsinn ihr überragendes Werk erst ermöglichten.

Nicole Scheyerer in Falter 35/2022 vom 02.09.2022 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783711721303
Erscheinungsdatum 24.08.2022
Umfang 464 Seiten
Genre Belletristik/Romanhafte Biografien
Format Hardcover
Verlag Picus Verlag