In aller Offenheit

Dramolette VIII
192 Seiten, Hardcover
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ISBN 9783990591895
Erscheinungsdatum 22.08.2025
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Verlag Literaturverlag Droschl
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Literaturverlag Droschl
Stenggstraße 33 | AT-8043 Graz
office@droschl.com
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Kurzbeschreibung des Verlags

Antonio Fians Dramolette zählen zu den wenigen zuverlässigen Gradmessern in der Betrachtung der jüngsten Gegenwart, und sie tun es nahezu in Echtzeit. Mit scharfer Zunge und spitzer Feder, mit Galgenhumor und bestem Witz schaut Antonio Fian in die Seele von Volk und Tribun, Kultur und Weltpolitik.

Egal wie stark die Schieflage ist, diese pointierten Texte stellen sich quer und rücken die Probleme ins Licht, aber eben nicht ins rechte. Mit dabei sind Größen aus Kunst und Politik, Herr und Frau Arbeiter, die ehemaligen Beachvolleyball-Nachwuchsspieler vom Wörthersee, die charmant wie eh und je über Gott und die Welt philosophieren, und viele mehr.

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FALTER-Rezension

Wie das Krokodil den Kasperl einmal was anschauen hat lassen

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 34)

Ein bedeutsamer Mann steigt in Essen in ein Taxi. Auf die Frage nach der Destination antwortet er: "Egal. Fahren Sie einfach los"; was den stutzig gewordenen Chauffeur zu dem Hinweis veranlasst, dass er das Stadtzentrum nicht verlassen werde und außerdem bewaffnet sei.
Worauf wiederum der bedeutsame Mann darob genervt ist, nicht erkannt worden zu sein, und sich erbötig zeigt, den jungen Mann berühmt zu machen; er brauche ihm nur die Worte nachzusprechen, die er ihm, dem Taxifahrer, in den Mund legen würde - Sätze wie "Ich ficke die Frauen" oder hochmögenden und todestrunkenen Kitsch, dessen Quelle der Mann hinterm Volant ansatzlos zu identifizieren und zitieren weiß: "Rilke habe ich nie leiden können."

"André Heller fährt Taxi" ist eines der Kurzund Kürzeststücke, die dieser Tage im Kabinetttheater zur Aufführung gelangen. Mit dem Programm "Makóni Awóssa" würdigt das seit dreißig Jahren am Alsergrund beheimatete Etablissement den Schriftsteller Antonio Fian, der am 28. März seinen 70. Geburtstag begeht. Die Spielstätte ist in jeder Hinsicht dem Miniaturformat verpflichtet. Von der Bühne bis zur Bar sind alle Räumlichkeiten auf 200 Quadratmetern untergebracht. Die in Gestalt eines Triptychons gestaltete Guckkastenbühne ist so klein, dass die Schau-/Puppenspieler allenfalls als Brustbild sichtbar sind.

"Makóni Awóssa" ist der erste Abend, den das Kabinetttheater einzig mit Dramoletten von Fian bespielt. Eines davon ist eine Auftragsarbeit der im Herbst vergangenen Jahres verstorbenen Julia Reichert, Mitbegründerin und Prinzipalin des Hauses.

Und es ist wohl kein Zufall, dass "Kasperls Ende" für einen weiteren Auftritt von André Heller sorgt, der im Herbst 2018 die freundliche Übernahme der Urania-Puppenbühne angetreten und dadurch deren Fortbestand gesichert hat.

In Fians Dramolett nun schlüpft Heller höchstpersönlich in die Rolle des Kasperl, der sich mit den Worten "Seid gegrüßt, ihr wundervollen Kinder, ihr kostbaren Geschöpfe" ans Publikum wendet. Selbst von seinem Sidekick Pezi lässt er sich nicht zum obligaten "Seid ihr alle da?" überreden, stattdessen eine pompöse Suada über die Zuschauer ergehen: "Ein weißer Zwerg ist das Dasein, der mit einem schwarzen Loch im Andromedanebel den Donauwalzer tanzt ", usw. usf. Die Schlusspointe soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten, immerhin aber angedeutet werden: dass das Krokodil für einmal aus dem ehernen Korsett der Kasperltheaterkonventionen befreit wird und einen starken Auftritt hat.

Niemand hatte es geahnt, dass sich gerade ein Stück österreichischer Literaturgeschichte ereignete, als der Falter im Herbst 1988 Fians Dramolett "Gerald Grassl begegnet auf dem Graben Thomas Bernhard und nimmt ihn in Schutz" veröffentlichte. Es war die Initialzündung zu einer seitdem nicht mehr abreißenden Produktion, die zwischenzeitlich das Medium der Erstveröffentlichung -vom Falter zum Standard - wechselte und bislang acht Sammelbände in Buchform hervorgebracht hat: Alle erschienen im Grazer Droschl Verlag und alle mit Cover-Illustrationen von Tex Rubinowitz.

Bernhards Stück "Heldenplatz" war bereits vor seiner Uraufführung, die am 4. November 1988 unter der Regie von Claus Peymann über die Bühne des Burgtheaters ging, skandalisiert worden, und Fian musste damals über den Umstand lachen, dass der Journalist Gerald Grassl "den stockbürgerlichen Bernhard in der kommunistischen Volksstimme verteidigt hat".

Es sind dergleichen Widersprüche, Ungereimtheiten und Schieflagen, die Fian über die Jahrzehnte zu Hunderten von Dramoletten inspiriert haben. Und auch wenn sich in der Form immer wieder Varianten und Veränderungen ergaben -so sind etwa die Auftritte von "Sturz und Krache" als Parodie auf die türkis-blaue Regierung in Reimen verfasst -, ist der Ansatz der satirischen Interventionen gleich geblieben.

Fian arbeitet semidokumentarisch, mit vorgefundenem Material. In "bis zur Selbstqual" gehender Zeitungslektüre klaubt er die Brosamen selbstergriffener Rede ein, legt diese den Urhebern noch einmal in den Mund und macht das hochmögende Geschwätz in seiner Phrasenhaftigkeit kenntlich.

Als "Herkules im Augiasstall der heimischen Öffentlichkeit", der dort mit "der Forke seines Sprachbewusstseins" zugange sei, würdigt Standard-Journalist Ronald Pohl Fian in der soeben erschienenen Ausgabe der Literaturzeitschrift kolik. Ebendort abgedruckt findet sich auch der Text von Fians Dramolett-Reigen "Owe den Boch II", der am Mittwoch vergangener Woche seine Uraufführung durch das Klagenfurter Ensemble erlebte.

Die Dialoge der beiden Protagonisten bezeichnet der Autor selbst als sein "zweites Standbein", das ihn in der Not der Deadlines schon oft gerettet habe. Mittlerweile sind die ehemaligen Nachwuchsbeachvolleyballspieler, die seit 2004 auch im Winter stets am Steg des Klagenfurter Strandbads beisammenhocken, 28 Jahre alt und ihrem Autor ans Herz gewachsen: "Die haben in der Haider-Ära als zwei typische Kärntner Angeber und Weiberer begonnen, sich aber nach und nach zu eigenständigen Figuren entwickelt. Ihre Freundschaft, aber auch ihre Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Sexualität spielt durchgängig eine Rolle. Der eine hat geheiratet, der andere ist zusehends der Poesie verfallen - das macht mir großen Spaß." Immanuel und sein Visavis, dessen Vorname nicht bekannt ist, sind ein Beleg für die klandestine Philanthropie des Autors: "Fian richtet nicht", befindet Ronald Pohl, sondern sei "mitunter sogar der freundlichste Anwalt seiner Figuren" - der sogar Kärntner Ex-Beachvolleyballern einen Schuss jener Melancholie zugesteht, die ihn selber auszeichnet.

Fian ist in Klagenfurt auf die Welt gekommen, aufgewachsen aber ist der Sohn eines Kohlen-und Lebensmittelgroßhändlers in Spittal an der Drau. Nach Abschluss des Gymnasiums, in dem eine durchaus ambitionierte Deutschlehrerin nicht nur sehr viel Grillparzer mit verteilten Rollen lesen ließ, sondern der Klasse im ungebremsten Frontalunterricht auch das "Moosbrugger"-Kapitel aus Musils "Mann ohne Eigenschaften" vortrug, besuchte er eine Handelsakademie in Wien und begann ebendort ein Volkswirtschaftsstudium, das er bis zur ersten Diplomprüfung und dem Erhalt des ersten Literaturstipendiums im Jahr 1980 betrieb.

Ein unerwarteter Kollateralgewinn der akademischen Anstrengung bestand im Besuch eines Proseminars beim Soziologen Reinhard Knoll, das dieser eines Tages ausfallen ließ, um stattdessen einen gemeinsamen Besuch eines Stücks von Otto Grünmandl anzuordnen, denn da könne man mehr lernen als in seiner Lehrveranstaltung.

Der aus Hall in Tirol gebürtige und 2000 auch dort verstorbene Kabarettist, Schriftsteller und Textilkaufmann war ein Held Fians von Bubenbeinen an und neben Karl Valentin und der britischen Komikertruppe Monty Python eine Instanz, die dessen Auffassung von Komik nachhaltig prägte.

Als Gymnasiast war Fian samstags nach Schulschluss heimgeeilt, um Grünmandls "Alpenländische Interviews" auf Ö3 zu hören. Als Hommage an den Volksdadaisten hat er selbst zwei solcher Dialoge verfasst, die im Rahmen von "Makóni Awóssa" zur Aufführung gelangen. Den Interviewer gibt per Videozuspielung der Schauspieler Wolfram Berger, der einen gewissen Tschuiderer, den Leiter des Alpenländischen Instituts für Sprachentwicklung, zu dem Volksbegehren zur "Entmannung des generischen Maskulinums" befragt, das dieser vorbereitet.

Sprachregelungen auf die Schaufel zu nehmen und ins Absurde zu treiben, ist ein Markenzeichen Fians. Zu einiger Berühmtheit gelangte sein Dramolett "Peymann oder Der Triumph des Widerstands".

Der Journalist und Autor Christian Ankowitsch, der mit seinem Kulturverein Perchtoldsdorfer Kreis auch Theater für Menschen, die Theater nicht mögen, initiierte, hatte es im Falter gelesen und den Autor gebeten, es auf eine Spielzeit von fünfzehn Minuten zu strecken.

Fian kam der Bitte gerne nach, und "Peymann" erlebte in der Regie von Christian Ankowitsch 1992 im Rahmen der Wiener Festwochen drei ausverkaufte und heftig akklamierte Aufführungen. Im Publikum fanden sich neben Claus Peymann und dessen Dramaturgen Hermann Beil auch die Kulturpolitiker Rudolf Scholten und Ursula Pasterk. Den Peymann auf der Bühne aber gab niemand Geringerer als Josef Hader. Er wird bei einem Beamten des Amtes für Sprachpflege, dargestellt vom Philosophen und Essayisten Franz Schuh, vorstellig, um sich durch die idiomatisch korrekte Aussprache des Wortes "Chance" die österreichische Staatsbürgerschaft zu sichern - bringt aber immer nur ein "Schangse" heraus. "Den Satz ,Sie machen sich keine Vorstellung, was das heißt: Österreicher sein' hat der Schuh immer besonders zelebriert", erinnert sich Fian.

Franz Schuh hatte Fian bereits Mitte der 1970er-Jahre im Kreis um den Schriftsteller Gustav Ernst kennengelernt. Ernst, Jahrgang 1944, fungierte als Herausgeber der Literaturzeitschrift Wespennest, in deren Orbit sich auch "Kottan"-Erfinder Helmut Zenker und der Schriftsteller und Songtexter Günter Brödl bewegten, auf den die Figur des Ostbahn-Kurti zurückgeht. Ein wenig später stießen auch noch die Jungliteraten Robert Menasse und Josef Haslinger dazu. Bei Tee und Schmalzbrot las und diskutierte man eigene Texte. "Im Grunde war es eine Schreibschule. Heute würde Geld dafür verlangt werden."

Des weiteren prägend für Fian war die Lebensfreundschaft mit seinem um neun Jahre älteren Kärntner Landsmann und Schriftstellerkollegen Werner Kofler, dessen Coming-of-Age-Roman "Guggile: vom Bravsein und vom Schweinigeln" (1975) er selbst gerne geschrieben hätte. Gemeinsam verfassten die beiden Hörspiele, eine außergewöhnliche Kooperation, denn: "Er war wirklich ein schwieriger Mensch und mit allen zerstritten - außer mit Elfriede Gerstl, Gustav Ernst und mir."

Dass Fian als Dramolettdichter bekannter ist denn als Autor von Gedicht-und Erzählbänden oder seiner Romane "Schratt" (1992) und "Das Polykrates-Syndrom" (2014), magerlt ihn, wie er gesteht, schon ein wenig und mag auch das von ihm durch den Kakao der eigenen Wörtlichkeit gezogene Personal ein bisschen ärgern. Er selbst findet allerdings, dass er im Alter ohnedies "immer sanfter" werde. Seine Leserschaft aber kann sich nur wünschen, dass er es mit der Altersmilde nicht übertreibt. Und darauf, dass ihm André Heller als Figur erhalten bleibt, darf man wohl wetten.

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Über den Autor

Antonio Fian wurde 1956 in Klagenfurt geboren, lebt in Wien und ist Schriftsteller, Essayist und Dramatiker. Bis 1983 war Fian als Herausgeber der Literaturzeitschrift Fettfleck tätig. Besonders bekannt ist der Schriftsteller für seine wöchentlich erschienene und von ihm erst definierte Gattung "Dramolett", welche zunächst im FALTER veröffentlicht wurde, seit 2005 im Standard zu finden ist und das österreichische Kultur- und Geistesleben kommentiert. Beim Droschl-Verlag werden seine Dramoletten in einer Reihe von Einzelbänden veröffentlicht. Dazu zählen unter anderem "Alarm", "Man kann nicht alles wissen" und "Schwimmunterricht". Fian erhielt für sein Werk etliche Auszeichnungen, darunter den österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik, den Johann-Beer-Literaturpreis sowie den Reinhard-Priessnitz-Preis. Auch sein Roman "Das Polykrates-Syndrom" schaffte es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis und wurde 2019 unter dem Titel "Glück gehabt" verfilmt.

Alle Bücher von Antonio Fian