Werke in 22 Bänden
Band 1: Frost

von Thomas Bernhard, Martin Huber, Wendelin Schmidt-Dengler

€ 35,90
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 364 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.11.2003

Rezension aus FALTER 50/2003

Die ersten drei Bände der 22-bändigen Thomas-Bernhard-Ausgabe sind soeben erschienen. Der "Falter" sprach mit dem Mitherausgeber Martin Huber über Bernhards Nachlass, neue Erkenntnisse über die Arbeitsweise des Autors und unveröffentlichte Manuskripte.

Alles, was man nach Thomas Bernhards Tod am 12. Februar 1989 an Entwürfen, Typoskripten und Reinschriften in den Wohnungen und Häusern des Autors gefunden hat, liegt im Thomas-Bernhard-Archiv, untergebracht in der Villa Stonborough-Wittgenstein in Gmunden. Dessen Leiter, der Germanist Martin Huber, ist seit knapp fünf Jahren mit der systematischen Erschließung des Nachlasses befasst und gibt - gemeinsam mit Wendelin Schmidt-Dengler und vier weiteren Editoren - die soeben begonnene Werkausgabe heraus. Diese, von der jetzt die Romane "Frost" und "Verstörung" sowie ein Band mit Kurzprosa erschienen sind, soll bis 2008 recht zügig zu Ende gebracht werden, damit, wie Huber sagt, "die Subskribenten das Gefühl haben, dass sie den Band 22 noch erleben". Der Schlussband wird übrigens den Titel "Der ,öffentliche' Bernhard" tragen.

Falter: Wie ist das so, wenn man Leiter des Thomas-Bernhard-Archivs ist? Man hat einen Schlüssel zum Safe, sperrt auf, holt etwas aus dem Nachlass heraus, und der Atem der Geschichte weht einem entgegen?

Martin Huber: Ja, da ist er. (Holt ein Schlüsseletui mit einem riesigen Schlüssel heraus.) Er ist so groß, dass er nicht in mein Taschl passt. (Zu Heribert Corn, der gerade fotografiert.) Das sind natürlich Aufnahmen, die aus sicherheitstechnischen Gründen nicht freigegeben werden können.

Falter: Wie umfangreich ist denn der ganze Nachlass?

Martin Huber: Es sind ungefähr 20.000 Blätter, von denen etwas mehr als zwei Drittel Vorstufen zu veröffentlichten Werken sind. Es ist sicher nicht alles erhalten geblieben, weil vieles auch im ehemaligen Jugoslawien oder sonst wo entstanden ist. Aber offensichtlich hat Bernhard auch nichts systematisch vernichtet, denn es gibt fast zu allen Werken Vorfassungen.

Falter: Wer darf sich denn das alles ansehen?

Martin Huber: Wir können natürlich keinen ungeschränkten Zugang für jeden gewährleisten, der einmal ein Thomas-Bernhard-Blatt sehen möchte; dafür gibts eine Ausstellung von Typoskripten in einem Nebengebäude. Ansonsten muss man halt ein entsprechendes Forschungsprojekt haben und seis eine Diplomarbeit. Auch qualifizierte journalistische Projekte sollen nicht ausgeschlossen sein. Wir kriegen aber auch Anfragen von Schülern, die dann schreiben: Ich muss bis dann und dann ein Referat schreiben, können Sie mir nicht weiterhelfen? Und weil man nett ist, antwortet man denen auch, dass es da einige sehr gute Monografien gibt.

Falter: Was bietet die neue Werkausgabe Neues, was bringt sie?

Martin Huber: Sie macht zum Beispiel Texte, die sehr verstreut erschienen sind, gesammelt zugänglich - etwa ganz frühe Erzählungen, die 1953 in irgendwelchen Salzburger Tageszeitungen erschienen sind. Hinzu kommen die relativ knapp gehaltenen Kommentare, die einen Überblick über die Text- und die Rezeptionsgeschichte bringen. Die Entstehungsdynamik des Werks war so bisher nicht bekannt. Bislang schien es etwa so, als wäre "Frost" als Durchbruchsroman von 1963 aus dem Nichts gekommen. Wenn man den Nachlass kennt, weiß man aber, dass Bernhard, der bis dahin einem kleinen Kreis als Lyriker bekannt war, in den Fünfzigerjahren parallel an den verschiedensten Projekten gearbeitet hat. Es gibt zum Beispiel einen umfangreichen, abgeschlossenen Roman, "Schwarzach St. Veit", der nicht veröffentlicht wurde, weil Bernhard keinen Verlag dafür gefunden hat.

Falter: Wie umfangreich ist der?

Martin Huber: Es wäre der zweitgrößte Roman nach "Auslöschung", umfasst über 300 ziemlich eng und bis an die Ränder beschriebene Typoskriptseiten und ist formal vielleicht sogar der avancierteste Roman Bernhards: Jedes der insgesamt vier Kapitel besteht aus einem einzigen Satz. Nachdem die Langfassung abgelehnt wurde, hat Bernhard eine zusammengestrichene Fassung bei Suhrkamp unter dem Titel "Wald auf der Straße" eingereicht, die wieder nicht genommen wurde; schließlich ist durch die Sichtung des Nachlasses nun auch klar geworden, dass die letzte Veröffentlichung Bernhards vor seinem Tod, "In der Höhe", nichts anderes als ein Ausschnitt aus dem "Schwarzach St. Veit"-Roman ist.

Falter: Laut Testament dürfen diese unveröffentlichten Werke aus dem Nachlass ja auch weiterhin nicht veröffentlich werden. Als Forscher verfügen Sie nun über eine Art Geheimwissen und könnten jederzeit behaupten, dass man aufgrund von "Schwarzach St. Veit" Thomas Bernhard jetzt ganz anders verstehen müsse.

Martin Huber: Die einzige Gefahr dabei ist, dass sich ein anderer Forscher genau mit diesem Thema beschäftigt. Und im gerade erschienenen zweiten Band des Thomas-Bernhard-Jahrbuchs ist das auch schon geschehen.

Falter: Wie stehts denn mit der Zitierbarkeit?

Martin Huber: Es gibt die so genannte "kleine Zitat-Regel", aufgrund der im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten Passagen bis zu einem gewissen Umfang zitiert werden dürfen.

Falter: Wie viel ist das?

Martin Huber: Bis zu zehn Zeilen.

Falter: Und wenn es mehr wäre?

Martin Huber: Muss der Erbe, Dr. Fabjan (Bernhards Bruder, Anm. d. Red.), zustimmen, der das auch macht, wenn es wissenschaftlich argumentierbar ist. Man kann aber sicher keine Veröffentlichung von ganzen Texten erschwindeln, indem man schreibt: In dem Werk, das ich hier behandle, geht es um Folgendes, Doppelpunkt - und es folgt ein Roman.

Falter: Was liegen denn noch für Schätze im unveröffentlichten Nachlass?

Martin Huber: Es gibt ein Drama mit dem Titel "Die Schwerhörigen", das wohl aus den Achtzigerjahren stammt und so weit gediehen ist, dass man es fast aufführen könnte, und es gibt einen letzten Romanentwurf, von dem aber nur ein ausformulierter Eröffnungssatz und das Fragment eines Schlusssatzes existieren.

Falter: Das wie lautet?

Martin Huber: "... und starb 59-jährig in Neufundland." Bernhard starb mit 58, man kann also spekulieren, dass der Roman für das nächste Jahr gedacht war. Der Eröffnungssatz verrät, dass er autobiografischen Hintergrund gehabt hätte, weil es um ein Brüderpaar geht - Schriftsteller der eine, Internist der andere -, das an einem Wintertag zu einem entlegenen Haus geht. Interessanterweise wäre der Internist der Erzähler gewesen.

Falter: Der Titel?

Martin Huber: Über dem Schlusssatz steht "Neufundland", auf einem anderen Blatt gibt es dann aber auch noch die Variante "Karakorum".

Falter: Wodurch unterscheidet sich nun die neue Werkausgabe im Text von den vorliegenden Taschenbüchern?

Martin Huber: Die Textgrundlage waren die Erstausgaben, und es gab ja schon zwischen diesen und den Taschenbuchausgaben so genannte "Textverwitterungen", in denen unautorisierte Normalisierungen vorgenommen wurden.

Falter: Das heißt, die Beistriche wurden anders gesetzt?

Martin Huber: Genau. Bernhard hat immer schon eine unorthodoxe Zeichensetzung gehabt, die sich eher von rhythmischen als von orthographischen Überlegungen leiten ließ. Und wenn die Erstausgabe schon Unklarheiten oder eindeutige Fehler enthielt, wird in den Anmerkungen darauf hingewiesen. Bernhard hat sich ja mitunter selbst in seinen Nebensatzkonstruktionen verrannt und nach drei Einschüben das Verb nicht mehr gefunden.

Falter: Lässt der Einblick in den Nachlass ein völlig neues Bernhard-Bild entstehen?

Martin Huber: Zu dieser Behauptung würde ich mich nicht versteigen. Ich glaube aber schon, dass man dieses Bild schärfen und sehr schön zeigen kann, wie sich der Bernhard-Ton entwickelt, der eben nicht von Anfang an da war. Gerade der Band 14 ist da sehr aufschlussreich, da er auch Texte enthält, die aus dem Fundus der Heimatliteratur schöpfen und an Bernhards Großvater Johannes Freumbichler in geradezu epigonenhafter Weise anknüpfen. Man kann da sehr gut sehen, wie sich Bernhard aus dieser Heimatliteraturecke rausschreibt. Da bringt auch die Entstehungsgeschichte sehr viel, weil man weiß, dass Bernhard etwa den "Schweinehüter" von 1956 im Selbstmord hätte enden lassen, hätte es der katholische Verlag, in dem die Erzählung erschienen ist, zugelassen.

Falter: Dennoch ist der Bernhard-Sound doch relativ früh angelegt, oder?

Martin Huber: Ja, jedenfalls viel früher als mit dem Roman "Frost" von 1963.

Falter: Bei "Verstörung" zeigt sich ja auch, mit welcher Kühnheit oder Unverfrorenheit Bernhard Material aus anderen Zusammenhängen einfach übernommen und in den Roman einmontiert hat. Kann man da überhaupt noch von einem klassischen Werkbegriff ausgehen? Oder ist es nicht eher ein zusammenhängender Komplex, eine Art Bergwerk, in dem Bernhard sein Leben lang gearbeitet hat?

Martin Huber: Das würde ich durchaus so sagen, allerdings nicht so weit gehen, die Ein-Buch-These zu stützen: Man kann bei der Gewichtung der Themen und der Schreibweise schon eine Entwicklung feststellen.


Thomas Bernhard: Werke in 22 Bänden. Herausgegeben von Wendelin Schmidt-Dengler und Martin Huber. Frankfurt a. M. 2003-2008 (Suhrkamp).

Subskriptionspreis € 645,-, danach € 740,- (die Bände sind auch einzeln erhältlich).

Klaus Nüchtern in FALTER 50/2003 vom 12.12.2003 (S. 62)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Werke in 22 Bänden (Thomas Bernhard, Martin Huber, Wendelin Schmidt-Dengler)
Werke in 22 Bänden (Thomas Bernhard, Manfred Mittermayer, Martin Huber, Hans Höller)

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