Untergrundkrieg
Der Anschlag von Tokyo

von Haruki Murakami

€ 18,50
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Übersetzung: Ursula Gräfe
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2002

Rezension aus FALTER 14/2002

Im Unterschied zu Murakamis belletristischem Werk, in dem Japan im Prinzip eine austauschbare Kulisse abgibt, geht es ihm in "Untergrundkrieg" um eine Art Psychopathologie Japans. Weil man dort nach dem verheerenden Giftgasanschlag der Aum-Sekte im Jahr 1995 in der Tokioter U-Bahn fast völlig auf die zahlreichen überlebenden Opfer vergessen hatte, interviewte Murakami etliche von ihnen. Durch diese Gespräche über das unmittelbar erlebte Grauen, die von mal zu mal geringfügig variieren, entsteht ein vielstimmiger, minimalistischer Chor, der vom Schrecken modernen Terrors kündet - aber auch von der seltsamen Schicksalsergebenheit der Betroffenen.

Das eigentlich Bestürzende dieses Buches sind aber die daran anschließenden Interviews mit einigen Aum-Mitgliedern, die nicht an den Anschlägen beteiligt waren. Murakamis vorureilslose Gespräche machen offenbar, dass die Verhältnisse zwischen Individuum und Gesellschaft in Japan für viele gründlich aus dem Lot geraten sind: Die beständige Verhöhnung der Würde des Einzelnen hat anscheinend dazu geführt, dass immer mehr Japaner bereit sind, sich rückhaltlos dem Führer einer Sekte auszuliefern und ihm blind zu gehorchen.

"Wirklichkeit ent- und besteht aus Verwirrung und Widersprüchen, und wenn man diese ausschließt, kommt auch die Wirklichkeit abhanden", schreibt Murakami im Nachwort zu "Untergrundkrieg". Wahrscheinlich ist es das, was das Phänomen Murakami letztlich ausmacht: die Verwirrungen und Widersprüche unserer Existenzen hier und jetzt realitätsnah einzufangen, sie literarisch zu transformieren. Und uns zumindest beim Happy End damit zu versöhnen. Ehe Murakami auch hierzulande zum Kultautor wurde, der er in Japan längst war, sollte allerdings noch einige Zeit vergehen. Auslöser dafür war letztlich ein eher entbehrlicher Eklat, der Anfang 2000 zum Ende des "Literarischen Quartetts" führte: Man diskutierte Murakamis Roman "Gefährliche Geliebte", den Sigrid Löffler allzu nonchalant als "literarisches Fast Food" abtat. Marcel Reich-Ranicki, der das Buch vorgeschlagen hatte, konnte das nicht auf sich sitzen lassen und bedachte die Literaturen-Herausgeberin mit letztklassigen Beleidigungen, worauf diese dem "Quartett" den Rücken kehrte.

Das einzig Gute an der unguten Geschichte war, dass der japanische Romancier nun endlich jene breite Aufmerksamkeit erhielt, die ihm längst schon hätte zukommen müssen: Murakamis Opus magnum "Mister Aufziehvogel" (orig. 1994/95, dt. 1998) ist ohne jeden Zweifel einer der ganz großen Romane der Neunzigerjahre, und seine beiden Erzählbände ("Der Elefant verschwindet", "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah") sind in jedem Sinn fantastisch.

Vom Skandal und den anschließenden Verkaufserfolgen ermuntert, machte sich der Dumont Verlag daran, ältere Bücher Murakamis übersetzen zu lassen: Im Vorjahr erschien "Naokos Lächeln" (orig. 1987), und seit kurzem liegt der Roman "Tanz mit dem Schafsmann" (orig. 1988) vor, in dem Murakami die bewährten Rezepturen seiner Erzählkunst abermals variiert - und zugleich an etliche Motive seines deutschen Erstlings "Wilde Schafsjagd" anknüpft.

Wieder steht ein eher einsamer, nicht gerade glücklicher Mittdreißiger im Zentrum - eine von Popmusik geprägte Durchschnittsexistenz, die sich als freier Journalist mit "kulturellem Schneeschaufeln" verdingt. Dieser Icherzähler wurde eben von seiner Freundin verlassen und will sein Leben wieder in den Griff kriegen. Dazu begibt er sich nach Sapporo ins Hotel Delphin (das bereits in "Wilde Schafsjagd" eine wichtige Rolle spielte), um über Dinge nachzudenken, die sich dort vor Jahren zugetragen haben.

Doch aus der ehemals trashigen Absteige ist ein Luxushotel geworden, in dem sich mysteriöse Dinge zutragen: Ein surrealer Schafsmann, eine gottähnliche Existenz, treibt im 16. Stock sein Unwesen. Außerdem trifft der Icherzähler aber auf eine bezaubernde Rezeptionistin mit den schönsten Ohren der Welt, die 13-jährige (frühreife) Yuki, zu deren Beschützer er wird. Und so wird die Suche nach dem neuen Leben nach und nach zur Abenteuergeschichte: Ein alter Schulfreund, der zum Filmstar wurde, taucht wieder auf; rätselhafte Morde geschehen und so weiter.

Klaus Taschwer in FALTER 14/2002 vom 05.04.2002 (S. 64)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Tanz mit dem Schafsmann (Haruki Murakami, Sabine Mangold)

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