Dicht
Aufzeichnungen einer Tagediebin

von Stefanie Sargnagel

€ 20,60
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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.10.2020


Rezension aus FALTER 42/2020

Friede den Hittn

Als literarische Langstreckenläuferin hat sich die Autorin und unter anderem auch für den Falter als Zeichnerin tätige ­Stefanie Sargnagel bislang nicht hervorgetan. Aufmerksamkeit für ihr Schreiben erwarb sich die 36-jährige Wienerin als Bloggerin und auf ­Facebook; was danach zwischen Buchdeckel gepackt wurde – zuletzt 2017 „Statusmeldungen“ –, war davor schon durch die Kanäle der sozialen Medien geflutscht.

Nun hat der Rowohlt-Verlag an seine Autorin allerdings den Wunsch herangetragen, sie möge doch einen „längeren Fließtext“ schreiben, wie Sargnagel zum Auftakt ihres jüngsten Opus nicht ganz unkokett mitteilt. Mit „Dicht“ ist sie der Aufforderung auch gleich nachgekommen, was ihr nicht schwergefallen sein dürfte, da sie ohnedies noch „einen alten Blog voller verrückter Jugendgeschichten“ in petto hatte.

Man könnte „Dicht“ auch als Parodie eines Bildungsromans lesen – möglicher Untertitel: „Aus dem Leben einer bekifften Schulstanglerin“ –, der die Geschichte eines Scheiterns und eines späten Triumphs erzählt. Das „Arbeiterkind mit Nasenpiercing“, das am Döblinger Vorzeigegymnasium unter lauter braven Ärztekindern „wie der wüsteste Straßenpunk“ erscheint, verliert den Status als „Einserschülerin“ und hat vier Fünfer im Halbjahreszeugnis vor der Matura, als ihr die neue Direktorin kaltherzig mitteilt, dass ihr Verbleib an der Schule von der Mehrheit des Lehrkörpers nicht erwünscht sei.

Nach einem Zwischenstopp an der Abendschule am Henriettenplatz packt die Schülerin Sprengnagel, wie die Tochter einer Krankenschwester und eines Installateurs mit bürgerlichem Namen heißt, ihr bis dahin entstandenes künstlerisches ­Œuvre in ein Billa-Sackerl, schreibt mit Edding fett „Kunst“ drauf und liefert dieses, no na: „fünf Minuten vor Abgabe­schluss“, an der Akademie für bildende Künste ab. Zwei Wochen später ist sie aufgenommen.

Es ist aber nicht dieses Narrativ eines ­Bildungstriumphs auf Umwegen, das die Erzähldynamik von „Dicht“ bestimmt. In dieser Coming-of-Age-Geschichte geht es neben der Pro­tagonistin selbst auch um das ­Milieu und das Umfeld, in dem sich diese bewegt und das überwiegend am Rande der Gesellschaft angesiedelt ist (wie man gemeinhin so sagt). Epizentrum dieses Verbunds von Süchtlern, Psychotikern, Aussteigern und Verpeilten ist eine 30 Quadratmeter große Erdgeschoßwohnung in einem Währinger Gemeindebau, in der sich bis zu 30 Leute einfinden und die dem sogenannten „Aids-Michl“ gehört. Der hat sich in San Francisco mit dem HI-Virus infiziert und mehrere, wohl ziemlich unschöne Monate in einem ägyptischen Gefängnis zugebracht, bewahrt aber selbst noch im Rollstuhl seine stets gutgelaunte und flambo­yant-dandyhafte Leichtfüßigkeit. Dem ­Andenken an diesen Michi (1963–2014), der sich unter anderem durch seine Leidenschaft für die Lieder von Georg Kreisler und für Ladendiebstahl auszeichnet, ist auch das Buch gewidmet.

„Dicht“ ist eine subjektive Chronik der Wiener 1990er-Jahre, während der Sargnagel dem regelmäßigen Schulbesuch schrittweise „ade“ sagt, um sich stattdessen im Votivpark, in der Wohnung vom Michi, im Café Stadtbahn oder in einer jener „Hittn“ namens „Cheers“ oder „Café Gipsy Baron“ herumzutreiben, wo man unter dem Vorwand, einen Eistee Pfirsich trinken zu wollen, an Drogen herankam.

In dem Zustand, den der knappe Titel des Buches bezeichnet, befindet sich die Ich-Erzählerin immer häufiger, manche der Figuren – wie etwa der dauergeile „König Mao“ aus dem Votivpark – auch in Permanenz. Er wird weder verklärt noch verharmlost noch zu Abschreckungszwecken in grellen Farben ausgepinselt – mit Ausnahme jener Szene, in der Sargnagel (sie befindet sich gerade in einer Carlos-Castaneda-Phase) Microtrips einwirft:

„Ich konnte die Welt mit meinen Gedanken ausmalen. Die Wiesen färbte ich orange, die Bäume beige. […] Ich versuchte, Johanna meine Erfahrungen zu erklären, aber ich hatte meine Sprache verloren. Als sie fragte, wie es mir ginge, sagte ich: ,Äääääääähhhhhhh.‘“

Als ihr der Trip buchstäblich zu bunt wird, beschließt sie, nie wieder psychedelische Drogen zu nehmen.

Der Dichtmacher, der am häufigsten herangezogene wird, ist aber ohnedies Dosenbier. Wenn Steffi und ihre Entourage ausnahmsweise einmal etwas besser bei Kasse sind, leisten sie sich Ottakringer statt Gambrinus – und fühlen sich dabei „wie die Könige“. Es ist also nicht verwunderlich, dass auch eine erste Initiative in Richtung Erwerbstätigkeit über dieses Produkt führt: Die Protagonistin stopft sich ihren Rucksack mit Dosenbier voll, schnorrt bei McDonald’s einen Sack Eiswürfel, leert den Inhalt über die Dosen und vercheckt diese am Donaukanal vor dem Flex.

Dass ihr mit der Zeit das Eiswasser über Rücken und Beine läuft, wäre eigentlich vorhersehbar gewesen. Antizipationsvermögen zählt indes nicht unbedingt zu den größten Stärken der Protagonistin. Schon das eingangs geschilderte Vorhaben, mit Sarah, ihrer besten Schulfreundin, per Autostopp nach Granada aufzubrechen, endet wenige Stunden später in einem Kifferpark in der Josefstadt und mit der Einsicht, dass es schon „auch sehr rücksichtslos gegenüber unseren Müttern gewesen [wäre], heimlich in der Nacht für immer abzuhauen“.

Apropos Mutter. Die hat angesichts der permanenten Abwesenheit der Tochter als Alleinerzieherin – den weit ins rechte Lager abgedrifteten Vater sieht Stefanie nur noch selten – nicht viel mehr zu tun, als sich Sorgen zu machen und ihrem Leibesfrüchterl einen etwas besser strukturierten Lebenswandel vorzuschlagen. Anders als in vielen anderen Coming-of-Age-Geschichten bleiben aufreibende Auseinandersetzungen mit den Eltern aber aus. „Man schätzt Mütter da manchmal falsch ein, man kennt sie ja nur als Mütter und nicht als Mensch“, heißt es an einer Stelle augenzwinkernd-generös.

Zwar behauptet die Ich-Erzählerin, selbst „von Geburt an antiautoritär veranlagt“ zu sein, und in der Polizei wird einmal „der natürliche Feind“ ausgemacht; tatsächlich aber dürfen sogar Kieberer und Pädagogen mit einem Mindestmaß an Empathie rechnen, solange sie ihrerseits sich als empathiefähig erweisen.

Was an „Dicht“ besticht, ist die ­Kongruenz von Ethik und Ästhetik: Der Grundhaltung einer freundlichen, ebenso unverzagten wie unzimperlichen Weltzugewandtheit entspricht ein fast kunstlos anmutendes Idiom, das auf stilistische Spompanadeln verzichtet und dafür Sätze von ergreifender Schlichtheit generiert: „Wir schaukelten und tranken die Biere.“

Sargnagel geht nicht auf ironische Distanz zu ihrem früheren Selbst, drückt nicht auf die Spaßtube, sondern serviert den beträchtlichen Witz gleichsam unter der Hand. Eines Morgens gabelt sie beim Westbahnhof zwei übernachtige, zugedröhnte Freetechnoparty-Typen auf, mit denen sie sich sofort „auf Wellenlänge“ fühlt: „Ich sagte zu ihnen im Gespräch: ,Wisst ihr, ich glaube, ich bin eine Philanthropin!‘ Und einer der beiden sagte: ,Urflashig. Is das so wer, der was mit die Tiere fickt?‘“

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2020 vom 16.10.2020 (S. 34)


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