Die Hauptstadt

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:



Der große europäische Roman | Deutscher Buchpreis 2017

In Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen.
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; ≫zu den Akten legen≪ wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.
In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen. Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen – für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.

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FALTER-Rezension

Ein Schwein geht um in Europa

Mit seinem Roman „Die Hauptstadt“ liefert Robert Menasse ein gewitztes Plädoyer für die EU-Bürokratie

Le Nationalisme, c’est la guerre“, Nationalismus ist Krieg, hat der damals schon todkranke François Mitterrand 1995 bei seiner letzten Rede vor dem Europäischen Parlament ausgerufen. So reden Politiker heute nur noch in Ausnahmefällen und schon gar nicht, wenn sie Wahlen gewinnen wollen. In ihrer Ablehnung von „Brüssel“ und all dem, was sie damit in Verbindung bringen – Globalisierung, (Neo-)Liberalismus, Kapitalismus, Bürokratie, Herrschaft der Eliten und dergleichen mehr – sind sich Linke und Rechte oft verblüffend einig.

Aber es gibt Robert Menasse. Seit Jahr und Tag verteidigt er den europäischen Gedanken gegen seine Verächter, und zuletzt hat er, im März 2017, den Abgeordneten des Europäischen Parlament die Leviten gelesen. In seiner Rede mit dem unbescheidenen Titel „Kritik der europäischen Vernunft“ hat er die Volksvertreter zur Errichtung des nachnationalen Europas aufgerufen – jetzt oder nie: „Machen Sie Europa zur weltpolitischen Avantgarde!“
Soeben ist Menasses lang erwarteter Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ erschienen. Es ist nicht leicht, einen Roman auf der Höhe der politischen Gegenwart zu schreiben, wenn die Gegenwart ständig neue Meldungen generiert, die natürlich alle „last minute“ in diesen eingearbeitet werden wollen: der Brexit, die Flüchtlingskrise, die Terroranschläge von Brüssel …
Als Fels in der Brandung des Tagesgeschehens erweist sich die Europäische Kommission mit ihren Beamten, ihren Prozeduren, Routinen und Sprachregelungen. Nichts wäre einfacher (und langweiliger), als eine EU-Satire über die Trägheit und Abgehobenheit des Betriebs zu schreiben. Menasse hingegen lobt (und liebt vielleicht sogar) die dort waltende Komplexität. Und er entdeckt im Inneren des Apparats eine Menge kluger Leute, denen das kalte und abstrakte Brüssel irgendwie zur Heimat geworden ist.
Alle sind hier einsam, wenn auch gut vernetzt. Alle wollen Karriere machen, wissen aber, dass das nicht ohne Freunde geht. Es gibt nichts, was man, wie in alten Tagen, „Gesellschaft“ nennen könnte, stattdessen richtet man sich in „Netzwerken“ und Allianzen ein. Niemand hat Zeit, Gesellschaft zu sein, wir sind im Europa der Experten, von Menschen also mit geringem „Zeitbudget“.

Zu Beginn des Romans läuft ein Schwein durch die Straßen, Verkörperung auch der Tatsache, dass Brüssel vor allem die Hauptstadt des agrarisch-industriellen Komplexes ist. Das Schwein ist wichtig in Europa, es ist „Querschnittsmaterie“, das heißt, es gehört je nach Verarbeitungsgrad in verschiedene EU-Ressorts.
Während das Schwein ohne klaren Auftrag durch Brüssel läuft, lernen wir eine Reihe von Figuren kennen, die Menasse zu einem Brüsseler Reigen verlinkt hat: den Holocaust-Überlebenden David de Vriend, die hohe Beamtin Fenia Xenopolou, ihren deutschen Kollegen und Gelegenheitsliebhaber Kai-Uwe Frigge, den österreichischen Kulturbeamten Martin Susman, den verschmitzten Tschechen Bohumil Szmekal, den katholischen polnischen Kontraktkiller Ryszard Oswiecki, den Emeritus der Volkswirtschaft Alois Erhart aus Wien, Kommissar Ėmile Brunfaut und andere.
Kultur ist das Letzte, was in der EU-Kommission zählt, weiß man dort, deswegen muss man sich doppelt und dreifach anstrengen, um bald in andere „Dossiers“ aufzusteigen (Landwirtschaft zum Beispiel). Fenia Xenopolou braucht eine Idee, für ihre eigene Karriere, und für die Feier diverser anstehender Europa-Jubiläen. Wer kann die Idee für eine solche Parallelaktion (Musil ist bei Menasse nie fern) liefern?

Der Österreicher Susman hat den Einfall, die letzten Auschwitz-Überlebenden nach Brüssel zu holen. Das europäische Projekt soll Auschwitz für alle Zeit unmöglich machen, ein ernster Gedanke von fast Mitterrand’schem Pathos, fast zu ernst für diese Kommission. Kurz nimmt die Idee Fahrt auf, um dann nach allen Regeln der europäischen Kunst torpediert zu werden.
Solche Vorgänge im Feld der „comitology“ und anderer europäischer Geheimwissenschaften schildert Menasse mit großem Genuss, mit viel Insiderkenntnis und einem Witz, der selten der Übertreibung bedarf. Hat jemand behauptet, Verwaltung sei kein Thema der erzählenden Literatur? Menasse erbringt spielend den Gegenbeweis.
Wie immer in seinen Romanen, blüht die Handlung in verschiedene Richtungen
anekdotisch aus und findet doch immer wieder den Weg zurück in die Hauptstadt, den Sitz der europäischen Vernunft, ob wir es nun wollen oder nicht.
Die liberale Demokratie, die jetzt von links und rechts beschossen wird, hat Probleme, aber ihre Probleme werden nur mit den Mitteln der liberalen Demokratie zu lösen sein. Wer das denkt, ist schon Europäer. Merkwürdig, dass jetzt so wenige Europäer sein wollen. Nach Menasses Roman versteht man es noch weniger.

Christoph Bartmann in Falter 36/2017 vom 08.09.2017 (S. 37)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783518427583
Erscheinungsdatum 11.09.2017
Umfang 459 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp