
Der neue Menasse: Die Liebe als wechselseitige Umklammerung
Sebastian Fasthuber in FALTER 8/2026 vom 18.02.2026 (S. 28)
Franz Fiala stinkt' s! Als fleißiges Rädchen in der EU-Bürokratie hat er sich über Jahrzehnte zwischen seinen hehren Idealen und den für ihn oft niederschmetternden realpolitischen Entscheidungen aufgerieben. Jetzt blockieren Wutbauern die Straßen von Brüssel und laden Jauche und Mist vor dem Kommissionsgebäude ab. Fiala beschließt, seine kleine Bürozelle zu verlassen und nicht mehr zurückzukehren.
Wir wissen nicht, ob die Novelle "Die Lebensentscheidung" auch Robert Menasses Abschied von der Europäischen Union ist. Gut 15 Jahre beschäftigt sich der österreichische Autor schon mit der Materie; zwei Romane und zwei Essaybände sind daraus hervorgegangen. Im neuen Buch bildet die EU nun nicht mehr das alleinige Zentrum. Die Erzählung pendelt mit Franz Fiala zwischen Brüssel, wo er eine Freundin hat, und Wien, das ihm wieder zur Heimat werden soll.
Hier lebt seine Mutter, die sich aufgeopfert hat, damit ihr Sohn aus einfachen Verhältnissen aufsteigen konnte. Heute würde man sagen: Franz war ihr Projekt, und das ist er mit Ende 50 immer noch. Nicht von ungefähr trägt er den Namen einer Figur aus Franz Werfels Novelle "Tod eines Kleinbürgers".
Als Franz die sichere Todesdiagnose Bauchspeicheldrüsenkarzinom erhält, schließt er schnell ab. Das Sterben will er dennoch lang hinauszögern. Es gilt, die Mama zu überleben. Sie soll am besten gar nichts von seinem Krebs erfahren. Das führt nicht nur zu hübsch-skurrilen Verwicklungen, sondern auch zu wunderbar tragikomischen, tief rührenden Szenen von einem Sohn und seiner Mutter in wechselseitiger Zuneigung und Umklammerung.
"Die Lebensentscheidung" erzählt in prägnanter, schmuckloser Sprache von einem Kleinbürger, dem der berufliche Aufstieg gelungen ist. Dass es daneben auch ein anderes Leben gibt, realisiert er zu spät.
Menasses Einsatz für die EU in Ehren. Doch erst beim Schreiben über die großen Themen -Leben, Tod, Liebe und Familie - auf dem engen Raum einer Novelle läuft er als Erzähler zur Hochform auf.






















