
Ein lieber Schneck mit Hang zur Schwermut
Klaus Nüchtern in FALTER 42/2025 vom 15.10.2025 (S. 13)
in Feuilleton schreiben“, befand Karl Kraus, „heißt auf einer Glatze Locken drehen.“ Das war natürlich despektierlich gemeint, obgleich die beschriebene Fertigkeit fraglos eine veritable Kunst darstellt. Ludwig Hirschfeld beherrschte sie aus dem Effeff. 1906 hatte der damals erst 24-Jährige als Mitarbeiter bei der Neuen Freien Presse begonnen, wo er im Laufe der Jahre zum Star des Blattes avancierte. „Ist heute ein Hirschfeld drin?“, sollen sich die zahlreichen Fans unter der weiblichen Leserschaft erkundigt und im Falle abschlägiger Antwort die Zeitungslektüre schlechterdings verweigert haben.
Bereits vor fünf Jahren hat der Historiker und Stadtforscher Peter Payer mit dem Band „Wien in Moll“ eine schlanke Auswahl von Hirschfeld-Feuilletons aus 30 Jahren herausgegeben. Nun legt er eine akribisch recherchierte und materialreiche Biografie vor, die dennoch flüssig geschrieben und gut lesbar ist, wenngleich manch halb- bis einseitiges Zitat eine Kürzung vertragen und es der common reader wohl hingenommen hätte, über Lustspielproduktion und Sommerfrischeroutine dieses publizistischen Tausendsassas ein Alzerl weniger detailfroh informiert zu werden.
Das Licht der Leopoldstadt erblickte das jüngste von vier Kindern von Alexander und Henriette Hirschfeld, die beide einer ungarisch-jüdischen Familie entstammten, am 21. März 1882. Die „Rollgerste- und Schälerbsenfabrik Brüder Hirschfeld & Comp.“ sicherte der Familie ein mehr als solides Auskommen und dem Filius eine behütete Kindheit, die bis ins Erwachsenalter ausgedehnt wird: Erst im zarten Alter von 30 Jahren zieht Ludwig aus der elterlichen Wohnung in der Unteren Augartenstraße aus, frequentiert aber auch danach noch den Mittagstisch im Hotel Mama.
Dass das Adjektiv „behaglich“ zum Leib- und Magen-Epitheton Hirschfelds wurde, verwundert nicht. Nachdem der 32-Jährige den Leserinnen seine prinzipielle Geneigtheit kundgetan hat, das Junggesellentum zu beenden, dauert es noch knapp vier Jahre, bis er tatsächlich in den Hafen der Ehe einläuft, um hinfort ein „behaglich bürgerliches“ Leben zu führen.
Elly Grimm ist die Tochter eines Arztes, der das florierende Sanatorium im burgenländischen Sauerbrunn leitet – und entspricht im Übrigen genau dem sportlichen, geselligen Frauentypus mit Bubikopf, über den der Gatte seinen vermeintlich sanften, oft aber misogyn tingierten Spott auszugießen pflegte. Die Ehe selbst, so verrät er in einem Feuilleton, beginne eigentlich erst, „wenn man in seinen eigenen vier bis zwanzig Wänden installiert ist“ und sich „jenes undefinierbar gemütliche Behagen, Häuslichkeit genannt“ einstelle. Die gemeinsame Wohnung in einem mondänen Gründerzeithaus im dritten Bezirk stellt den passenden Rahmen bereit (und dass es im Falle des Upper-Middle-Class-Conubiums tatsächlich 20 und nicht bloß vier Wände waren, versteht sich von selbst).
Auf Behaglichkeitsstörungen in Folge von Krieg und Inflation reagierte der passionierte „Semmelesser“ und lebenslange Raucher sehr sensibel. Darüber, ob er als „politischer Seismograph“, als den ihn sein Biograf ausweist, ebenso empfindlich war, lässt sich streiten. Zu den Morden von Schattendorf im Jänner und den Unruhen am 15. Juli 1927 („Justizpalastbrand“), die durch den skandalösen Freispruch der Täter ausgelöst und blutig niedergeschlagen werden, sind keine Äußerungen belegt.
Für andere bedrohliche Entwicklungen hatte der gern als Bonvivant posierende, aber auch unübersehbar zur Melancholie neigende Plauderer nur wolkige Metaphern bei der Hand: Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jänner 1933 registriert er als „zunehmende Bewölkung am politischen Horizont“, und als Bundeskanzler Dollfuß im März desselben Jahres eine Geschäftsordnungspanne zur Ausschaltung des Parlaments nutzt, notiert er, es sei, „[k]ein behaglicher Zustand“, hofft aber, dass die „neue Regierung“ das „drohende Tief aus dem Norden“ schon abwenden werde, sollte diese „noch einige beruhigende und erfreuliche Verordnungen im Vorrat haben“.
Nur einmal fällt der samtpfötige, allseits beliebte und lediglich von der Arbeiter-Zeitung verlässlich gezauste Journalist mit der Tür ins Haus. Ausgerechnet in seinem höchst erfolgreichen, „alternativ“ gemeinten, aber selbst nicht ganz klischeefreien Führer „Wien. Was nicht im Baedeker steht“ (1927) adressiert er ein gewöhnungsbedürftiges Spezifikum der Stadt ganz unverblümt, nämlich die „von Hakenkreuzlern wie von Juden“ gestellte und allen anderen etwaigen Erkundigungen nach Beruf oder Erfolg vorausgehende Frage: „Ist er ein Jud?“
Ein Workaholic der leichten Muse, reüssierte Hirschfeld auch mit Lustspielen und Revuen, die er unter anderem mit dem Kabarettisten Karl Farkas verfasste und gelegentlich gar mit populären Eigenkompositionen versah. Für das Drehbuch zum Film „Der Mann, der seinen Mörder sucht“ (1931) kooperierte er mit Billie Wilder, und die Regie bei der mit Hans Moser, Paula und Attila Wessely prominent besetzten Komödie „Auslandsreise“ (1932) führte niemand Geringerer als Otto Preminger.
Dass ausgerechnet der unpolitische Hirschfeld, den Karl Kraus einmal als „lieben Schneck“ apostrophiert, unmittelbar nach dem „Anschluss“ verhaftet wurde, verdankt sich einer Verwechslung mit dem jüdischen Zeitschriftenherausgeber Oskar Hirschfeld. Nach Ludwigs Freilassung fliehen die Hirschfelds nach Frankreich und geraten dort in Gefangenschaft. Im November 1942 werden Ludwig, Elly und ihre Kinder Eva und Herbert nach Auschwitz transportiert und ermordet. Letztes erhaltenes Dokument Hirschfelds ist eine Karte an das befreundete Ehepaar Farkas: „Wir fahren voraussichtlich diesen Nachmittag, Bestimmungsort unbekannt. [...] Wir hoffen, dass es eines Tages ein Wiedersehen gibt.“






















